Diese Kolumne schlägt sich reumütig an die eigene Brust. Ist doch die vorwöchige der Auslöser einer Entwicklung mit unabsehbaren Folgen gewesen, an deren Ende nicht weniger als der Sturz unseres Kanzlers stehen könnte. Wie ist es so weit gekommen? Nun, die letzte Kolumne konnte als Appell an die Linke verstanden werden, ihr Gewicht für Kohls Präsidentschaftskandidaten in die Waagschale zu legen.

Offenbar hat dann ein IM "Redakteur" dieser Zeitung einen Vordruck jener Ausgabe besagtem Kandidaten zugespielt, just als dieser gerade an seinen Westenknöpfen abzählte, ob er auf seine Kandidatur verzichten soll oder nicht. Ein Blick auf die Kolumne genügte – und sein Verzicht, angesichts der blamablen Aussicht, mit linker Hilfe ins höchste Staatsamt gehievt zu werden, war beschlossene Sache.

"Immerhin verschafft er sich einen noblen Abgang", sagte ich zu Jupp Krötzchen, meinem Bonner Gewährsmann. Der meinte skeptisch: "Wie man’s nimmt. Selbst er mochte nicht auf den obligatorischen ‚Todeskuß‘ verzichten." Auf meinen fragenden Blick ergänzte er: "Als ‚Todeskuß‘ gilt im Präsidentenspiel die Empfehlung eines Kandidaten, der nicht aus den eigenen Reihen stammt. Indem er zum Abschied Richard Schröder von der SPD seinen Segen gab, verurteilte er ihn endgültig zum Scheinkandidaten, also was beim Schach der Bauer ist, der für den König geopfert wird. Und der ist für die SPD natürlich Johannes Rau."

"Wurde Rau nicht im Sommer ausgerechnet von Kohl empfohlen?"

"Er vermochte sich der Kohlschen ‚Todesküsse‘ kaum zu erwehren und brauchte Monate, bis er seinen Hut wieder in den Ring werfen konnte."

"Könnte sich die FDP für einen Präsidenten Rau erwärmen?"

"Höchstens als Verlegenheitskandidat. Ihr Wunschkandidat ist und bleibt natürlich Genscher. Ihre Zähl- und Vorzeigekandidatin war bisher Hildegard Hamm-Brücher. Inzwischen wurde sie zur Festhaltekandidatin der FDP – bis die Liberalen wohl oder übel schließlich doch so diskret wie möglich auf den Kompromißkandidaten Roman Herzog einschwenken müssen. Seltsamerweise scheinen ihm die ‚Todesküsse‘ Waigels nicht sonderlich geschadet zu haben."