Nicht nur die russische Gesellschaft, auch die russische Literatur ist in großem Umbruch begriffen. Neue Autoren, neue Verlage machen sich den Platz streitig, Trends jagen sich in verwirrender Fülle. Etwas ratlos steht man vor der - vielversprechenden oder nur chaotischen? - Unübersichtlichkeit, bis einzelne Namen lebhafte Kontur gewinnen.

Larissa Wanejewa ist ein solcher Name. Die 1953 geborene Sibirjakin, die heute im estnischen Tallinn lebt, kann erst seit wenigen Jahren veröffentlichen, hat es aber in kurzer Zeit geschafft, ihre Stimme durchzusetzen. Mittlerweile gehört sie unbestritten zu den führenden Autorinnen der jüngeren Generation - eine Seismographin des Zeitgeistes und kühne Sprachgestalterin.

In ihren Erzählungen liefert Wanejewa keine linearen Geschichten, sondern Momentaufnahmen aus einem komplex gewordenen Alltag, sie schildert Bewußtseinsprozesse und den Einbruch des Phantastischen in die Normalität. Ihre Figuren sind allesamt Suchende: verhinderte Schriftsteller, Erotomanen, Narkomanen, Alkoholiker, Ex Priester, Ekstatiker, die jedes Glücksversprechen - ob Droge, Meditation oder orthodoxe Gläubigkeit begierig aufgreifen, um die "Geburt ihrer Seele" zu befördern.

Solche Suche gestaltet Wanejewa mit radikalen erzählerischen Mitteln, indem sie ihren Stoff quasi mehrdimensional ("kubisch") auffächert oder halluzinatorisch auflöst, indem sie literarische und wissenschaftliche Diskurse vermengt und zwisehen Slang und ausgefallenem, mitunter biblischem Wortschatz changiert. Der Effekt ist überraschend, auf Pynchonsche Weise irritierend und irisierend, doch jenseits allen Kalküls voll poetischer Epiphanien.

"Allmorgendlich - ndssing, ndrreng, ndssang - sangen die Engelschöre. Von ferne tönten Lautfetzen herüber. Vielleicht hörten die Restauratoren heavy metal, oder der Wind heulte in der Fensterritze; möglich auch, daß sich eine Säge an der Walroßbucht ins Holz fraß, das die Meeresgewalten den Bewohnern des Freilichtmuseums auf jener Insel im Norden unserer Heimat als Heizmaterial herangetragen hatten. Der Zimmermann in deo Alexi, 27 Jahre jung, fischte mit dem Hakenstock Stämme aus den Wellen, die Männer ergriffen sie, ächzten schwer und verausgabten sich So beginnt die "Erste Fläche" der Erzählung "Agar Agarytsch oder Aus dem Kubus", die nicht nur als klösterliche Liebesgeschichte zwischen dem Gottesmann Alexi und der jungen Ou, sondern als "kubisches Traktat über die Verminderung des Pro Kopf Verbrauchs" zu lesen ist. Elemente russischer Heiligenviten werden hier ironisch mit sozialkritischer Analyse und Entgrenzungsphantasien verbunden und in schillernde Untergangsvisionen hineingetrieben.

Wanejewas Texte gewinnen ihre Konsistenz durch vielfältige Bezüge und suggerieren damit jenes Schwebende, Psychedelische, dem sie in Gestalt der Helden auf der Spur sind. Diese Helden sind gesellschaftliche Randexistenzen, Opfer ihrer eigenen "Metaphysik". Die Mittdreißigerin Saweljewa (aus "Konjunktion der Planeten") lebt mit ihrer vierzehnjährigen Tochter, deren narkomanischen Verfall sie ebensowenig aufzuhalten vermag wie ihren eigenen Alkoholismus. Sie läßt sich auf seltsame Aventüren ein und landet immer wieder kreatürlich in der Symbiose mit ihrem Kind. No future, nur sekundenkurze Illuminationen. Einsamkeitssüchtig ist der Ich Erzähler aus der Titelerzählung "Das Gespenst eines Tallinners oder Der Untergang von Odessa". Unglückliche Kindheit in Odessa, Teilnahme am Afghanistankrieg, Alkohol, Rauschgift, und schließlich Tallinn mit seinem Altstadtzauber, das zu einer fast jenseitigen Offenbarung gerät und komplizierte Bewußtseinsprozesse zwischen geistigem Perfektionsdrang und Handlungswillen in Gang setzt. Traum und Wirklichkeit sind unvereinbar. An diesem Konflikt reiben sich die Helden der Wanejewa wund, wobei sie den Paroxysmus häufig mit Gesundung verwechseln. Sven ist auf hochgemutem Meditationstrip ("Auffliegen"), doch als sein Großvater stirbt, erlebt er blanke Angst und Ohnmacht. Die Freundin von L ("Sartre ä la russe") hat ihre Buchveröffentlichungen durch Prostitution erkauft und sich dabei seelisch ruiniert. Wie weiter?

Wanejewa zeigt ihre entwurzelten Figuren in Pseudo Lösungsversuche verstrickt, müde oder ekstatisch disponibel, doch aus festen Verhältnissen herausgekickt. Sie leuchtet mit einer raffinierten stream of consciousness Techmk in die Fugen ihres Bewußtseins, gibt ihre "Aquarienwelt" wieder und konfrontiert diese mit minutiösen Wirklichkeitsausschnitten und Trivialmythen. Die sprachlichen Register, die Wanejewa zieht, weisen sie als eine ingeniöse Verwandlungskünstlerin des Worts aus.