Wiederholt sich die Geschichte? fragt Massimo Montanari, als er in seiner "Kulturgeschichte der Ernährung" beim 18.

Jahrhundert angelangt ist: Unzulänglichkeiten in der Produktion und neue Entwicklungen im Bereich der Landwirtschaft erinnerten an das 11 und 12 oder auch an das 16. Jahrhundert, "nur daß diesmal das Ausmaß des Phänomens ins Gigantische gesteigert wird".

Deutlich wird: Gerade im existentiellen Bereich ist über die Zeiten hinweg kaum ein Fortschritt zu erkennen. Die Masse der Menschen leidet furchtbare Hungerqualen; eine schmale Schicht lebt in Saus und Braus. Von der schrecklichen Situation der Bauern im Mittelitalien des 6. Jahrhunderts berichtet Caesarea Prokop: "Die meisten Leute stürzten sich unter dem Zwang des Hungers, wenn sie irgend etwas Grünes fanden, gierig darauf und suchten, auf dem Boden kauernd, das Gras auszuraufen. Bei ihrer völligen Entkräftung waren sie dazu aber nicht mehr imstande, und so stürzten sie über das Gras und ihre eigenen Hände hin und gaben den Geist auf Die Berichte über die Hungergebiete der Dritten Welt klingen heute nicht viel anders.

Auf der anderen Seite die Bilder des Luxus, der Üppigkeit, der Völlerei. Wenn der heilige Bonaventura zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einer seiner Abhandlungen davon schreibt, daß der Hunger ein Problem der Vergangenheit sei, so betraf dies weder zu dieser Zeit noch in vorausgegangenen oder nachfolgenden Perioden die Allgemeinheit. Heute hat sich die Zahl der Menschen, die viel und gut essen, erhöht; in den wohlhabenden Ländern sind die durch Mangel verursachten Krankheiten nach und nach von den durch Überfluß verursachten abgelöst worden. Statt der Furcht vor dem Hunger grassiert die Angst vor Fettleibigkeit; "Diät" wird zur magischen Formel. Gerade eine Geschichte des Hungers und des Überflusses kann - und insofern ist dieser Band ein sehr wichtiges Element der Buchreihe "Europa bauen" - das Nachdenken über die vom Herausgeber Le Goff in den Mittelpunkt gestellten Fragen befördern: "Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?" Dabei wird deutlich, daß die ernährungsmäßige Krisensituation Europas einige Jahrhunderte gedauert hat; sie begann im 3. Jahrhundert und verschärfte sich im 4 und 5, in einigen Regionen, so in Italien, erreichte sie ihren Höhepunkt im 6. Jahrhundert. Zwischen 750 und 1100 berichtet die Überlieferung von insgesamt 29 großen Hungersnöten. In der Chronik des Radulf Glaber heißt es für die Jahre 103233, daß die Hungersnot sich in jeden Teil der Welt auszudehnen begonnen und fast die gesamte Menschheit bedroht habe "Die klimatischen Verhältnisse waren so durcheinandergeraten, daß vor allem wegen der Überschwemmungen für keine Aussaat jemals der geeignete Augenblick kam, noch die passende Zeit für die Mahd. In jener Zeit - o Unglück! - zwang die Raserei des Hungers die Menschen dazu, menschliches Fleisch zu verschlingen, wie man es in der Vergangenheit nur selten gehört hatte "

Für jedes Jahrhundert hat der Autor anschauliche Katastrophenberichte parat. Natürlich gibt es auch heiterere Ausblicke. Die Entstehung der Kochkunst zum Beispiel erweist sich als Teil des von Norbert Elias als Verfeinerung charakterisierten "Prozesses der Zivilisation". Im bürgerlichherrschaftlichen und städtisch höfischen Milieu entstanden gegen Ende des 13. Jahrhunderts die ersten Kochbücher. Der Masse blieben statt dessen Üppigkeitsphantasien, Hoffnungen aufs Schlaraffenland.

Als wirksamstes Gegengift gegen Hunger und Angst erweist sich der Traum. Der Traum von Frieden und gutem Essen, von Überfluß und Völlerei. Der Traum von irdischen Paradiesen, in denen es "griffbereit unerschöpfliche Mengen von Speisen gibt; in dem gigantische Töpfe voller Klöße über Bergen von geriebenem Käse ausgeschüttet werden; in dem die Weinreben mit Würsten festgebunden werden und die Kornfelder mit gebratenem Fleisch eingefriedet sind. Die Bilder vom Schlaraffenland, eine volkstümliche Version der gelehrten paradiesischen Mythologie entstehen zwischen dem 12 und dem 14. Jahrhundert " Mit dem Aufstieg der Neuzeit werden neue Nahrungsquellen - neben Brot, Fleisch, Wein, Bier - erschlossen; wirksam werden sie freilich erst viel später. Den Mais hatte Kolumbus bereits auf seiner ersten Fahrt über den Atlantik kennengelernt und 1493 nach Europa gebracht. Er wurde, zunächst aus Neugier, angebaut - vielfach in Nutzgärten (beinahe heimlich, geschützt vor den herrschaftlichen Forderungen nach dem Zehnten und dem Grundzins). Mit der Verbreitung des Maisanbaus vollzog sich die Ausweitung der Pellagra, einer schrecklichen Krankheit, die den Körper mit eitrigen Wunden zersetzte, zum Wahnsinn führte und schließlich mit dem Tod endete (1730 wird zum ersten Mal über sie aus der spanischen Region Asturien berichtet). Verursacher war der Mangel am lebenswichtigen Vitamin Niacin; die Polenta aus Mais reichte eben allein nicht zur Ernährung aus.

Die Kartoffel, von den Spaniern 1539 in Peru entdeckt, durchquerte zunächst die Iberische Halbinsel, ohne viel Eindruck zu machen. Ende des Jahrhunderts ist sie in Deutschland nachweisbar. Erst im 18. Jahrhundert wird sie für die Ernährungsweise der Europäer wirksam "Die armen Bauern dieser Gegend", schreibt ein italienischer Förderer der Kartoffel über die deutsche Landwirtschaft, "verbringen gut sechs Monate im Jahr nur mit Kartoffeln, und es sind wunderschöne Menschen, stark und vollkommen gesund Das war zwar übertrieben, doch führte jedenfalls eine auf Kartoffeln gegründete Ernährung nicht zu solchen dramatischen körperlichen Störungen wie der einseitige Verzehr von Mais. Es ist ein großer Vorzug des Buches von Massimo Montanari, daß seine "Kulturgeschichte der Ernährung" die sozialen Zustände nie aus den Augen verliert. Freilich führt die Materialfülle dazu, daß der Autor sich den Phänomenen so beschreibend "überantwortet", daß die Herausarbeitung von Denkstrukturen zu kurz kommt. Der Bezug zu europäischen Grundfragen vertrüge eine stärkere Konturierung. Warum die großen Hoffnungen, von denen das "Bauen Europas" getragen ist, sich nur erfüllen werden, wenn sie der Geschichte Rechnung tragen, wäre (auch bei den anderen Bänden der Reihe) deutlicher zu machen. Der anspruchsvolle Reihentitel sollte doch wohl nicht nur ein verkaufsstrategisches Konzept von fünf großen europäischen Verlagen sein, sondern jeweils als erkenntnisleitende Idee sich explizit erweisen.