Kann man spektakulärer aus dem Leben scheiden? Ausgerechnet im Sterbezimmer Beethovens, des Unsterblichen, muß sich der junge Philosoph Otto Weininger das Leben nehmen, im Wiener Herbst vor neunzig Jahren. Skandalös wie sein Ende ist auch das Buch, mit dem der Selbstmörder kurz zuvor schockiert und bewegt hat: "Geschlecht und Charakter", ein schrilles Dokument der Misogynie und eines sich "philosophisch" gebenden Antisemitismus. Doch damit nicht genug. Otto Weiningers Philosophie der Geschlechter wurde zum Synonym für das, was Karl Kraus den "jüdischen Antisemitismus" nannte. Denn Weininger war Jude, und sein Freitod gilt als die letzte Konsequenz von "jüdischem Selbsthaß", dessen Geschichte und Hintergründe Sander Gilman in seiner Studie untersucht. Nur scheinbar ist der "jüdische Selbsthaß" eine rein jüdische Angelegenheit; vielmehr spiegeln sich in ihm die Verhältnisse wider, in denen die Juden leben müssen. Er ist der Reflex des judenfeindlichen Stigmas in den Opfern. Sander Gilman, Medizinhistoriker und Germanist, zeichnet nach, wie das Stereotyp und die Reaktion in der Sprache zusammenhängen. Das judenfeindliche Stigma behauptet, die Sprache der Juden "entWesen".

Gilman holt weit aus, um die schillernde Rede von der jüdischen Sprache zu dechiffrieren. Vom Neuen Testament bis zu Romanen unserer Tage demonstrieren zahllose Beispiele, wie judenfeindlich die Kultur des christlich geprägten Abendlandes angelegt ist. Die Idiosynkrasie sitzt tief und kreist immer um den gleichen Topos: Weil Juden anders sprechen, sind sie schlechter. Als "Landstreicher und Zungendrescher" beispielsweise beschimpft sie Martin Luther und markiert geschickt soziale Marginalität auch als sprachliche.

Auch später, in der Epoche der Assimilation, werden Form und Inhalt jüdischer Rede systematisch verunglimpft. Denn unter den europäischen Nationalsprachen ist für die Sprache der Juden kein Platz "Die Toleranz hört bei den Sprachunterschieden auf Und viele Juden passen sich dem Zwang an, das Idiom ihrer Herkunft wird zur "verborgenen Sprache". Man will unsichtbar, unhörbar sein. Natürlich vergeblich, denn auch das Stereotyp entwickelt sich weiter, und im 19. Jahrhundert interpretiert man das "andere" Sprechen neu. Es gilt nun als Ausdruck anthropologischer Differenz. Der Körper determiniere die Sprache, behauptet der Antisemitismus, die Biologie die Gesellschaft. Wer nicht deutsch klingt, der ist es nicht, und schreibt er deutsch, dann immer in jenem eigenen Ton, den man Autoren wie Heinrich Heine und Ludwig Borne nachsagt: "kalt" und "äußerlich", "frivol" oder "journalistisch". Das Schimpfwort "mauscheln", wohlgemerkt eine deutsche Wortbildung, hält sich bis heute. Deutsch oder jüdisch, ein unvereinbarer Gegensatz? "Der Jude, der nur jüdisch denken kann, der aber deutsch schreibt, lügt", plakatierten 1933 nationalsozialistische Studenten in den Universitäten, und in der Sprache der Unmenschen fordern sie frech: "Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind sie als Übersetzung [!] zu kennzeichnen [ ] Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung " Die Nazis bleiben zwanghaft auf die Sprache der Juden fixiert. Man weiß, daß Eichmann extra Hebräisch lernte, um, wie er erklärte, das Wesen des Judentums zu "durchschauen".

Die Psychologie der Judenfeindschaft "von außen" aber interessiert Gilman nur am Rande. Er fragt nach den Opfern, danach, wie sie der immer neuen Stigmatisierung begegnen. Der Selbsthaß antwortet auf das trügerische Versprechen des antisemitischen Stigmas: "Werde wie wir, höre auf, dich von uns zu unterscheiden, und du wirst zu uns gehören Ein klassischer double bind, denn zugleich wird die wesenhafte Differenz von Juden und Nichtjuden behauptet: "Du kannst dich nicht verstecken, wir erkennen auch in dir den anderen Leiten läßt sich dieses "Erkennen" von der Sprache; sie wird zum Instrument der Diskriminierung, weil sie das Medium der Assimilation darstellt. Dabei zeigt sich im "jüdischen Selbsthaß" das Problem, das die Deutschen mit sich und ihrer Identität haben. Auf ihrem Sonderweg greifen gerade sie immer wieder zum manichäischen Zerr- und Gegenbild, zum Mythos vom Juden als dem "anderen", um sich selber zu definieren. Deutsch ist, was nicht jüdisch klingt, und umgekehrt. Und viele Juden glauben das.

"Der Normale und der Stigmatisierte", so der Soziologe Erving Goffman, "sind nicht Personen, sondern eher Perspektiven Der sich selbst oder seine Glaubensgenossen hassende Jude übernimmt kritiklos die Projektionen der Majorität. Er identifiziert sich mit dem Aggressor, um die Attacke an sich vorbei zu lenken. Spuren dieser folgenschweren Identifikation findet Gilman in den unterschiedlichsten Texten: in den Rechtfertigungsschriften jüdischer Konvertiten, bei Sigmund Freud und in der Sprache der Psychoanalyse, in den schillernden Artikeln Karl Kraus. Immer wieder das gleiche Muster: Schreibend stellen sich die Autoren auf die richtige, die akzeptierte Seite. Angriff ist die beste Verteidigung, und es trifft, scheinbar, nur die, die es nicht geschafft haben: die Juden, die ihrem Glauben treu bleiben, die jüdischen Aufsteiger und immer wieder die nur unzureichend assimilierten Ostjuden. Daß diese Rechnung nicht aufging, daß die Falle 4es antisemitischen double bind erbarmungslos zuschnappte, das ist die andere, ebenso traurige Seite des "jüdischen Selbsthasses". Reflektiert wird sie im Schweigen nach der Schoah, ein Schweigen, dessen ästhetischen Brechungen und Ironisierungen in der modernen Erzählliteratur der Autor nachspürt.

Gihnan verbindet Medizin und Literaturgeschichte, historische Anthropologie, Religionsgeschichte und Psychologie. Dabei geht es weniger um den einzelnen Text mit seinen formalen und ästhetischen Qualitäten, sondern um die oft überraschenden Einsichten in die Widersprüche jüdischen Lebens in der Diaspora - Und Karl Kraus, Otto Weininger und all die anderen Künstler vergeblicher Selbstverleugnung, wie kommen sie davon, als Opfer, als Täter? Es ist schwer, ihnen gerecht zu werden. Gihnan gelingt es mit analytischem Femgefühl, und er zeigt sie in ihrer historischen Tragik, in ihren einsamen Kämpfen als die, die sie immer auch blieben: traurige Helden der Assimilation.

Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden. Aus dem Amerikanischen von Isabella König; Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993; 360 S ; 36 - DM