Wahrlich eine gloriose und zeit gemäße Idee des Rotbuch Verlags, diesen 1950 in New York publizierten Essay von Hannah Arendt (mit dem Vorwort des wie stets vergnüglich unverschämten Henryk M. Broder) jetzt wieder zu veröffentlichen. Gibt er doch nicht nur dem verwunderten Schmerz der 1933 über Frankreich in die USA emigrierten Philosophie Journalistin wieder, als sie bei dem ersten Besuch (August 1949 bis März 1950) im Nachkriegsdeutschland ein verklebtes statt aufgewachtes, verducktes statt Schuld begreifendes Volk vorfindet. Tatsächlich hat sie bereits Jahre vor Mitscherlich die Formulierung von der "Weigerung zu trauern", dem "Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit", gefunden angesichts der verbreiteten deutschen Nicht Reaktion auf das Geschehene. Es hat eine geradezu manichäische Emphase, wenn Hannah Arendt in einem einzigen Satz die Worte "Gefühlsmangel, Herzlosigkeit, billige Rührseligkeit" herausschleudert, um ihr Entsetzen deutlich zu machen über die Stimmung der bundesrepublikanischen Gründerjahre, wo man es sich zwischen "Was haben wir gelitten" und "Wir haben von nichts gewußt" gemütlich machte: "Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben " Vieles liest sich nahezu prophetisch, denkt man an das Entstehungsdatum des schmalen Aufsatzes. Heute haben wir genügend (?) Untersuchungen über das auf alle Wunden gestrichene SchlagerSchmalz jener Jahre, die Lull Effekte der O -W Fischer Filme und den Verscharr Eifer der Architekten. Man erneuerte zwar - unter Bezug auf ihre Praxis Erfahrung - die Patente der Auschwitz Ofen Bauer; aber man heizte ja bereits mit Öl. Doch Hannah Arendt spürte schon damals, daß die Ästhetik der häßlichen Flachbauten wie die provinzielle Eleganz "supermoderner Schaufenster" sogar den Gedanken an die eigenen Verluste (an zerstörte Wahrzeichen der Kultur) zubetonieren oder verSpiegeln sollten. Es geht nicht nur um jene "um sich greifende öffentliche Dummheit", die sie konstatiert, sondern um das eifervolle Zudecken statt Aufdecken. Mit der Energie eines Olympia Sprinters rannten die Deutschen vor den eigenen Schatten weg - fleißig, geschäftig und so seelenlos wie jener, der seinen Schatten verkaufte: "Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, daß die Geschäftigkeit ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist Der Terminkalender als Wunderwaffe, der Rechenstift statt rächender Gerechtigkeit. Der Zorn der Deutschen galt den "Terrorbombern" oder "dem Russen" oder jener "Vorrsehunk", die ihr Adolf so schön aussprechen konnte und die sie nun im Stich gelassen hatte; jedenfalls war er nicht gegen sie selber oder ihre Ver Führer gerichtet: "Es lag wahrscheinlich allein daran, daß kein einziger deutscher oder alliierter Soldat nötig gewesen wäre, um die wirklich Schuldigen vor dem Volkszorn zu schützen. Diesen Zorn gibt es nämlich heute gar nicht, und offensichtlich war er auch nie vorhanden "

Ach, es ist ein Schmerzensbuch - auch wenn es vermessen klingt, ihm diesen Titel zu verleihen, den Thomas Mann für seinen Faustus Roman in Anspruch nahm. Denn so viele Stimmen derer, die von Deutschland zerstampft, verjagt, ermordet wurden, klingen unter den Sätzen von Hannah Arendt, geben ihren Worten den Grundakkord. Ist es Zufall, daß es Joseph Roth schon früh vor der "Sehnsucht der deutschen Frau, auf Schuhen ohne Absätze durch ein Leben voller Tätigkeit zu marschieren", grauste; "denn in Deutschland ist der Typus zu Hause: redlich, fleißig, biertrinkend, die Ordnung der Welt verbessernd"? Und ist es Zufall, daß derselbe Roth - Erzfeind Tucholskys 1933 an Stefan Zweig schreibt: "Jedermann, ganz gleichgültig, wer er ist, wie er früher war, der öffentlich heute in Deutschland tätig ist, ist eine Bestie"; Sätze, die sich haargenau entsprechend bei Tucholsky in seinen Briefen an Hasenclever finden:. Ich für meinen Teil also lehne jeden, aber auch jeden ohne Ausnahme radikal ab, der das bejaht, der dort mitmacht, ja, schon den, der dort leben kann "

Das sei ein alter Hut? Das möge man nun aufhören zu zitieren? Das seien extreme Radikalismen eines Trinkers und eines melancholischen Selbstmörders? Nein. Das sind analytische Befunde, Computertomographie vor deren Erfindung. Das Missing link dieser Röntgenbilder zur aktuellen "deutschen Frage" wäre Kurt Tucholskys Satz: "Immer stärker bis zur Gewißheit ist in mir: det sind sie. Es ist nicht wahr, daß das arme Volk unterjocht ist, daß sie es nicht gewollt haben, es ist nicht wahr Dieses Missing link nun fügt Broder in seinem Vorwort ein, indem er mit souveräner Frechheit das Taubmacher Gebot "Man darf nicht vergleichen" außer acht läßt: "JEine solche Flucht vor der Wirklichkeit ist natürlich auch eine Flucht vor der Verantwortung, heißt es bei Hannah Arendt mit Blick auf die Deutschen nach 1945, die keine kausale Verbindung zwischen den Ursachen des letzten Krieges und den Taten des Naziregimes sehen mochten. Die gleiche Flucht vor der Wirklichkeit und vor der Verantwortung zeigt sich in dem Appell Einheit durch Versöhnung, den die CDU Politiker Perschau, de Maiziere und Diestel im Juli 93 an die deutsche Öffentlichkeit gerichtet haben. Es könnte nicht weiter hingenommen werden, daß unzähligen Menschen dauerhaft ein Vorwurf daraus gemacht wird, sich in dem System der DDR angepaßt und für die eigene Lebensplanung oder für die der Kinder Kompromisse geschlossen zu haben, heißt es in dem Aufruf der drei, von denen zwei - Diestel und de Maiziere - in ihrer eigenen Lebensplanung die Gültigkeit der Regel widerlegt haben, daß Ratten üblicherweise sinkende Schiffe zu verlassen pflegen Broder ist in seinem Furor antiteutonicus nicht ausgewogen; Jahwe sei Dank. Das Wort stammt vom Tomatenmarkt und mag tauglich sein für Talk Shows - nicht für politischpolemische Analysen. Gewiß sind Urteile über "die Deutschen" pauschal und dem Klischee "Alle Italiener haben schwarze Haare" nahe; aber ebenso gewiß ist das Schöne an Klischees, daß sie der Wahrheit peinlich nahe sind - so schrecklich viele blonde und blauäugige Italiener gibt es wohl nicht. Während es eher schrecklich viel Blauäugigkeit im Exkulpieren gibt nach der Melodie "Was hätten wir denn machen sollen"; das Schunkellied aller Mitläufer - auch in der DDR.

Darm liegt das Explosive dieses Bändchens, das dem Lügen Geäder im Faux marbre des deutschen historischen Bewußtseins nachspürt. Wenn damals richts war und jüngst auch kaum etwas - "nur" Millionen von Mitmachern und Hunderttausende on Häschern ; wenn immer alle nur Verführte (von wem?) und Unschuldige (an was?) waren: Dann bleiben auch alle Erklärungsversuche fürs Jetzt, das sich Rostock oder Hoyerswerda buchstabiert, Mogelpackungen und alle Lösungsvorschläge Placebos. Noch einmal Henryk M. Broder: "Langsam wird der Platz im Tempel der ewigen Weisheiten knapp. Zu der Warnung vor Onanie als Ursache von Rückenmarkschwindsucht und der bekannten Tatsache, daß Frauen nicht autofahren können, kommt nun eine dritte fundamentale Weisheit hinzu: Wer arbeitslos wird, zündet Ausländer an. Der israelische Historiker Zvi Yavetz wundert sich über den zwingenden Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Wenn die Menschen in England arbeitslos werden, gehen sie fischen. Wenn sie in Deutschland arbeitslos werden, gehen sie zu den Nazis "

Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel; mit einem Vorwort von Henryk M. Broder und einem Portrait von Ingeborg Nordmann; Rotbuch Verlag, Berlin 1993; 96 S, 19 80 DM