Verwirrspiel mit Aids-Infektionen – Seite 1

Wir Krankenhausärzte sind entsetzt und empört über die Vorgänge der letzten Wochen, über kriminelle Machenschaften einiger Blutzapffirmen, über staatliche Nachlässigkeit und behördliche Schlamperei, und wir sind entsetzt über die Form der öffentlichen Behandlung, die dies erfahren hat.

In Kliniken und Arztpraxen erscheinen verängstigte Menschen, in Sorge, mit den "todbringenden Medikamenten" verseucht worden zu sein. Aber schlimmer noch, kranke Patienten verweigern lebensrettende Transfusionen, lehnen die Gabe von Blutprodukten ab, auch wenn diese mit Sicherheit virusfrei sind, und Mütter verweigern die Impfung ihrer Kinder. Diese Impfstoffhysterie ist die schwerste Hypothek für die Zukunft: Durch sie kann dieser Skandal noch Fortwirkungen auf weitere Generationen erfahren, die heute nur schwer abschätzbar sind.

Ein erheblicher Teil unserer Klinikarbeit fällt gegenwärtig auf Aufklärung, Beruhigung und Information, denn nur der sachkundige Arzt kann Falschverstandenes richtigstellen, Beängstigendes relativieren und sachlich diskutieren. Dabei tragen wir eine schwere Hypothek. Gerade diejenigen, die sich in den letzten Wochen am meisten in der Diskussion hervorgetan haben, taten dies mit der geringsten Kenntnis in der Sache. Dies aber kompensieren sie mit dem Totschlagargument, alle anderen würden "verschweigen, vertuschen und verharmlosen". Es ist schwer, sachlich gegen solch emotionale Stimmungsmache zu argumentieren; ich will dies dennoch versuchen.

Wir wissen heute von einem schrecklichen Unfall der Wissenschaft. Aus Unkenntnis und falschen Vorstellungen heraus wurde die Gefährlichkeit der HIV-Infektion noch bis in die Mitte der achtziger Jahre hinein verkannt. Erst die ausreichende Verfügbarkeit von Testverfahren ermöglichte eine rationale Beurteilung der Situation und Abschätzung des Risikos.

So konnte es leider geschehen, daß in den frühen achtziger Jahren Patienten unbeabsichtigt mit dem tödlichen HI-Virus infiziert wurden. Jedoch: seit der gesetzlich vorgeschriebenen Einführung des HIV-Tests bei allen Blutspendern im Oktober 1985 konnte das Risiko der HIV-Übertragung bei Bluttransfusionen auf eins zu einer Million reduziert werden. Dieses Risiko – so entsetzlich es im Einzelfall auch ist – liegt damit weit unter dem Operations- und Narkoserisiko jeder bekannten Operation. Und noch ein Vergleich: Diesen wenigen, möglicherweise durch Blut HIV-Infizierten stehen insgesamt über 10 000 gegenüber, die sich bei ungeschütztem Sex angesteckt haben – trotz aller Informations- und Aufklärungskampagnen.

Seit 1985 ist die Bluttransfusion äußerst sicher, gleichwohl arbeitet die medizinische Wissenschaft mit Hochdruck an der Verbesserung der Tests, um auch dieses geringe Risiko noch zu verkleinern. Aber natürlich: Jeder Patient muß vor einer transfusionsfordernden Operation über das Risiko aufgeklärt werden und seine Einwilligung zur Transfusion geben.

Blutplasma, also die Flüssigkeit im Blut, enthält eine Fülle komplexer Stoffe, die sich bis heute nur zum Teil synthetisch und gentechnisch herstellen lassen. Wir sind also auf den "gelben Saft" angewiesen. Alle Blutprodukte sollen aus HIV-freien Plasmen gewonnen werden, daher auch hier der HIV-Test des Spenders. Anschließend werden diese Spenden dann zur Sicherheit noch "virusinaktiviert".

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Der Krankenhausarzt verwendet diese Stoffe dann wie andere Medikamente auch. Sie kommen aus der Apotheke, sind verpackt wie Arzneimittel, zugelassen vom BGA. Für den Krankenhausarzt besteht kein erkennbarer Unterschied zu Aspirin oder Antibiotika – außer natürlich in der Wirkung.

Es war ein großer Schock für uns "Anwender" zu erfahren, daß – so zumindest mußte man am Anfang der Affäre glauben – eine ganze Reihe infizierter Medikamente im Umlauf waren und wir mit unserer Entscheidung, vermeintlich lebensrettende Medikamente einzusetzen, auch nach 1985 noch in großem Umfang Krankheit, Leid und Tod verbreitet hätten. Wir wissen heute: Dem war Gott sei Dank nicht so. In der Öffentlichkeit wurde der Eindruck des "Blut-GAU" erweckt, es war aber nur ein "Medien-GAU".

Mit einer seit 1990 bekannten Ausnahme waren bis jetzt keine weiteren HIV-Infektionen nach 1985/1986 durch virusinaktivierte inländische Medikamente aus Blut nachweisbar.

Diese Feststellung mag verwundern, sie läßt sich aber beweisen. So sind zum Beispiel bei den Blutern seit 1986 – mit Ausnahme der Infektionen durch PPSB 1990 – keine weiteren Ansteckungen durch Blutprodukte bekanntgeworden. Dabei ist wichtig zu wissen, daß die Bluter nicht nur den Löwenanteil aller Gerinnungspräparate verbrauchen, sondern auch in sehr kurzen Abständen auf das HI-Virus untersucht werden. Hier gibt es also ein Kollektiv, das durch seine Homogenität, seinen Arzneimittelverbrauch und seine häufigen Austestungen als ideales Meßinstrument für den Grad der HIV-Verseuchung von Blutprodukten in der Vergangenheit zu gelten hat.

Doch welche kriminelle Energie ist es, die Menschen antreibt, mörderisch leichtfertig mit Blut umzugehen? Ich sehe hierin einen weiteren Beweis eines Systemfehlers in unserem Gesundheitswesen. Diese Blutabzapffirmen erschlossen sich einen Markt neben den großen seriösen Blutbanken unter staatlicher oder DRK-Regie. Sie taten dies, indem sie mit Kampfpreisen auf den Markt gingen. Im Schnitt waren ihre Produkte um etwa sechzehn Mark billiger als die der Konkurrenz.

Die Krankenhäuser verließen sich auf die Testzertifikate des BGA und stellten nie in Frage, warum das Produkt so billig angeboten werden konnte, zumal doch bekannt war, daß diese Firmen einen weiteren Kostennachteil dadurch hatten, daß sie auf Bezahlung ihrer Spender angewiesen waren. Wir wissen heute, daß Kosten vor allem an der Qualität der Produkte, nämlich an ihrer Reinheit, gespart wurden. Teure Tests wurden entweder gar nicht oder unzureichend gemacht, die teure Pflege der Spenderstämme entfiel, statt dessen zapfte man Drogensüchtige an. Dies ist der Beweis, daß eine ungehemmte freie Marktwirtschaft nicht ohne Schaden für die Patienten einem sozial verantworteten Gesundheitssystem übergestülpt werden kann. Wir lernen daraus: Das billigste Arzneimittel ist nicht automatisch das beste.

Wie sieht die Zukunft aus? Zuerst muß es uns gelingen, die Angst der Menschen wieder aufzufangen. Auch auf das Risiko hin, als Abwiegler und Verharmloser beschimpft zu werden: Ich bleibe dabei – das Risiko war und ist minimal.

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Und dennoch, das schnellste Mittel, Besorgnis und Angst auszuräumen, ist gegenwärtig der HIV-Test. Obwohl ich seine medizinische Notwendigkeit nicht erkennen kann, scheint er mir hier zur Beruhigung verängstigter Menschen angebracht.

Sodann muß als Konsequenz aus dem offensichtlichen – wenn auch einmaligen – Versagen des Inaktivierungsverfahrens eine weitere staatliche Kontrolle des Endproduktes auf Wirksamkeit und Reinheit vor der Auslieferung an den Endverbraucher erfolgen. So etwas gibt es schon lange bei den Impfstoffen und Sera – dieses Verfahren ließe sich problemlos auf Blutprodukte übertragen.

Des weiteren muß das staatliche Aufsichtsverfahren für die Blutzapfer überprüft und neu geordnet werden. Es geht nicht an, daß in Bundesbehörden katastrophale Erkenntnisse anfallen, ohne daß sofort vor Ort Konsequenzen gezogen werden. Oder daß Landesbehörden Vorgänge ablegen, statt zu informieren, und daß kommunale Gesundheitsämter untragbare Zustände erkennen und protokollieren, ohne auf ihre sofortige Abstellung zu dringen und diese auch zu kontrollieren. Hier wurde Verantwortung so lange geteilt, bis nichts davon übrigblieb.

Und schließlich: Wir brauchen eine Neubestimmung, wieviel Markt das Gesundheitswesen wirklich verträgt. Soziale Verantwortung und Gewinnstreben, medizinische Sicherheit und Kostenbewußtsein müssen neu diskutiert und abgegrenzt werden.

Kürzlich überraschte uns der Gesundheitsminister mit dem Vorschlag, bei jeder Blutentnahme in Krankenhaus oder Praxis einen HIV-Test vorzunehmen. Ich halte dies für unsinnig. Sinnvoll kann es sein, Patienten aus Risikogruppen mit ihrer Einwilligung zu testen – wie es ja schon heute geschieht. Aber Säuglinge oder sehr alte Menschen benötigen keinen HIV-Test. Die wichtigste gefährdete Gruppe indes, die gesunden, sexuell aktiven Zwanzig- bis Vierzigjährigen, werden weder von Blutentnahmen im Krankenhaus noch in der Praxis erfaßt, da sie sich bester Gesundheit erfreuen und in der Regel keinen Grund haben, einen Arzt aufzusuchen.

Minister Seehofer handelt aus der immer noch erkennbaren falschen Vorstellung heraus, Aids sei bereits eine Erkrankung, die die Risikogruppen (und sei es via Bluttransfusionen) in großem Umfang verlassen habe. Er glaubt offensichtlich, es gebe viele Menschen, die herumliefen, ohne zu wissen, daß sie HIV-infiziert sind. Diese Vorstellung ist aber falsch. HIV-Tests werden ja heute in Kliniken mit Einwilligung der Betroffenen bei vielen Patienten mit Krankheitsbildern gemacht, die den Verdacht auf eine Schwächung der Immunabwehr nahelegen. Dabei läßt sich eine Durchseuchung der Bevölkerung außerhalb der Risikogruppen zur Zeit überhaupt nicht nachweisen.

Sollte Horst Seehofer epidemiologisch weiterkommen wollen, was ich sehr begrüßen würde, so wäre allenfalls die Einordnung der HIV-Infektion unter das Bundesseuchengesetz sinnvoll. Aids ist nach wie vor fast ausschließlich eine sexuell übertragbare Krankheit. Warum gerade die tödlichste Geschlechtskrankheit von den Schutzbestimmungen des Bundesseuchengesetzes nicht erfaßt wird, die für jeden Tripper und jede Syphilis gelten, ist eine wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Absurdität, die sich nur aus der gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas "Sexualität, Aids und Sterben" erklären läßt.

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Eine Gefahr dieser neuen Diskussion ist erschreckend: Aus dem vergleichsweise kleinen Problem der HIV-Übertragung durch Bluttransfusionen entsteht eine Diskussion, bei der die globale Debatte der Aids-Politik der achtziger Jahre neu aufgerollt wird. Diese Dinge haben nichts miteinander zu tun.

Es muß daher der Verdacht entstehen, daß durch diese Erweiterung des Diskussionsfeldes entweder von den Fehlern und Versäumnissen bei der Bearbeitung des Themas Blut und Blutprodukte in der Vergangenheit abgelenkt werden soll oder aber alte Forderungen der CSU-Gesundheitspolitik und des heutigen bayerischen Umweltministers Peter Gauweiler neu belebt werden sollen.

Mir scheint die Diskussion zu einem gesundheitspolitischen Schlachtfeld auszuufern. Die Ratio bleibt dabei auf der Strecke.

Der Hamburger Röntgenologe Dr. Frank Ulrich Montgomery ist Vorsitzender der Ärtzevereinigung Marburger Bund