Der Krankenhausarzt verwendet diese Stoffe dann wie andere Medikamente auch. Sie kommen aus der Apotheke, sind verpackt wie Arzneimittel, zugelassen vom BGA. Für den Krankenhausarzt besteht kein erkennbarer Unterschied zu Aspirin oder Antibiotika – außer natürlich in der Wirkung.

Es war ein großer Schock für uns "Anwender" zu erfahren, daß – so zumindest mußte man am Anfang der Affäre glauben – eine ganze Reihe infizierter Medikamente im Umlauf waren und wir mit unserer Entscheidung, vermeintlich lebensrettende Medikamente einzusetzen, auch nach 1985 noch in großem Umfang Krankheit, Leid und Tod verbreitet hätten. Wir wissen heute: Dem war Gott sei Dank nicht so. In der Öffentlichkeit wurde der Eindruck des "Blut-GAU" erweckt, es war aber nur ein "Medien-GAU".

Mit einer seit 1990 bekannten Ausnahme waren bis jetzt keine weiteren HIV-Infektionen nach 1985/1986 durch virusinaktivierte inländische Medikamente aus Blut nachweisbar.

Diese Feststellung mag verwundern, sie läßt sich aber beweisen. So sind zum Beispiel bei den Blutern seit 1986 – mit Ausnahme der Infektionen durch PPSB 1990 – keine weiteren Ansteckungen durch Blutprodukte bekanntgeworden. Dabei ist wichtig zu wissen, daß die Bluter nicht nur den Löwenanteil aller Gerinnungspräparate verbrauchen, sondern auch in sehr kurzen Abständen auf das HI-Virus untersucht werden. Hier gibt es also ein Kollektiv, das durch seine Homogenität, seinen Arzneimittelverbrauch und seine häufigen Austestungen als ideales Meßinstrument für den Grad der HIV-Verseuchung von Blutprodukten in der Vergangenheit zu gelten hat.

Doch welche kriminelle Energie ist es, die Menschen antreibt, mörderisch leichtfertig mit Blut umzugehen? Ich sehe hierin einen weiteren Beweis eines Systemfehlers in unserem Gesundheitswesen. Diese Blutabzapffirmen erschlossen sich einen Markt neben den großen seriösen Blutbanken unter staatlicher oder DRK-Regie. Sie taten dies, indem sie mit Kampfpreisen auf den Markt gingen. Im Schnitt waren ihre Produkte um etwa sechzehn Mark billiger als die der Konkurrenz.

Die Krankenhäuser verließen sich auf die Testzertifikate des BGA und stellten nie in Frage, warum das Produkt so billig angeboten werden konnte, zumal doch bekannt war, daß diese Firmen einen weiteren Kostennachteil dadurch hatten, daß sie auf Bezahlung ihrer Spender angewiesen waren. Wir wissen heute, daß Kosten vor allem an der Qualität der Produkte, nämlich an ihrer Reinheit, gespart wurden. Teure Tests wurden entweder gar nicht oder unzureichend gemacht, die teure Pflege der Spenderstämme entfiel, statt dessen zapfte man Drogensüchtige an. Dies ist der Beweis, daß eine ungehemmte freie Marktwirtschaft nicht ohne Schaden für die Patienten einem sozial verantworteten Gesundheitssystem übergestülpt werden kann. Wir lernen daraus: Das billigste Arzneimittel ist nicht automatisch das beste.

Wie sieht die Zukunft aus? Zuerst muß es uns gelingen, die Angst der Menschen wieder aufzufangen. Auch auf das Risiko hin, als Abwiegler und Verharmloser beschimpft zu werden: Ich bleibe dabei – das Risiko war und ist minimal.