Und dennoch, das schnellste Mittel, Besorgnis und Angst auszuräumen, ist gegenwärtig der HIV-Test. Obwohl ich seine medizinische Notwendigkeit nicht erkennen kann, scheint er mir hier zur Beruhigung verängstigter Menschen angebracht.

Sodann muß als Konsequenz aus dem offensichtlichen – wenn auch einmaligen – Versagen des Inaktivierungsverfahrens eine weitere staatliche Kontrolle des Endproduktes auf Wirksamkeit und Reinheit vor der Auslieferung an den Endverbraucher erfolgen. So etwas gibt es schon lange bei den Impfstoffen und Sera – dieses Verfahren ließe sich problemlos auf Blutprodukte übertragen.

Des weiteren muß das staatliche Aufsichtsverfahren für die Blutzapfer überprüft und neu geordnet werden. Es geht nicht an, daß in Bundesbehörden katastrophale Erkenntnisse anfallen, ohne daß sofort vor Ort Konsequenzen gezogen werden. Oder daß Landesbehörden Vorgänge ablegen, statt zu informieren, und daß kommunale Gesundheitsämter untragbare Zustände erkennen und protokollieren, ohne auf ihre sofortige Abstellung zu dringen und diese auch zu kontrollieren. Hier wurde Verantwortung so lange geteilt, bis nichts davon übrigblieb.

Und schließlich: Wir brauchen eine Neubestimmung, wieviel Markt das Gesundheitswesen wirklich verträgt. Soziale Verantwortung und Gewinnstreben, medizinische Sicherheit und Kostenbewußtsein müssen neu diskutiert und abgegrenzt werden.

Kürzlich überraschte uns der Gesundheitsminister mit dem Vorschlag, bei jeder Blutentnahme in Krankenhaus oder Praxis einen HIV-Test vorzunehmen. Ich halte dies für unsinnig. Sinnvoll kann es sein, Patienten aus Risikogruppen mit ihrer Einwilligung zu testen – wie es ja schon heute geschieht. Aber Säuglinge oder sehr alte Menschen benötigen keinen HIV-Test. Die wichtigste gefährdete Gruppe indes, die gesunden, sexuell aktiven Zwanzig- bis Vierzigjährigen, werden weder von Blutentnahmen im Krankenhaus noch in der Praxis erfaßt, da sie sich bester Gesundheit erfreuen und in der Regel keinen Grund haben, einen Arzt aufzusuchen.

Minister Seehofer handelt aus der immer noch erkennbaren falschen Vorstellung heraus, Aids sei bereits eine Erkrankung, die die Risikogruppen (und sei es via Bluttransfusionen) in großem Umfang verlassen habe. Er glaubt offensichtlich, es gebe viele Menschen, die herumliefen, ohne zu wissen, daß sie HIV-infiziert sind. Diese Vorstellung ist aber falsch. HIV-Tests werden ja heute in Kliniken mit Einwilligung der Betroffenen bei vielen Patienten mit Krankheitsbildern gemacht, die den Verdacht auf eine Schwächung der Immunabwehr nahelegen. Dabei läßt sich eine Durchseuchung der Bevölkerung außerhalb der Risikogruppen zur Zeit überhaupt nicht nachweisen.

Sollte Horst Seehofer epidemiologisch weiterkommen wollen, was ich sehr begrüßen würde, so wäre allenfalls die Einordnung der HIV-Infektion unter das Bundesseuchengesetz sinnvoll. Aids ist nach wie vor fast ausschließlich eine sexuell übertragbare Krankheit. Warum gerade die tödlichste Geschlechtskrankheit von den Schutzbestimmungen des Bundesseuchengesetzes nicht erfaßt wird, die für jeden Tripper und jede Syphilis gelten, ist eine wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Absurdität, die sich nur aus der gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas "Sexualität, Aids und Sterben" erklären läßt.