Von Elsemarie Maletzke

Die englische Bulldogge, die am Freitag abend mit ihrer Herrin anreist, hört auf den Namen Hündli und ist von eher scheuem und dämlichem Temperament. Das Hündli findet das ganze Wochenende über nicht eine einzige brauchbare Spur, sondern blickt alle, die es dazu auffordern, mit wehen Augen und engem Unterbiß an, als wolle es gleich losflennen. Wir anderen sechzig Gäste finden ebenfalls nicht die Spur einer Spur, aber dabei amüsieren wir uns wenigstens auf die eine oder andere Weise.

Zusammengeführt hat uns ein Wochenend-Mörderspiel im Parkhotel du Sauvage in Meiringen, Schweiz. Hinter Luzern wird krachend der Zahnradgang zugeschaltet; die Gipfel sind mit Puderschnee bestäubt, die Lärchen brennen. Unter dem Namen "Englischer Hof" genießt das Haus bei Sherlock-Holmes-Lesern einen gewissen Ruhm, da der Meisterdetektiv und sein Freund Watson dort logierten, ehe Holmes beim nahen Reichenbachfall sein Schicksal in Gestalt von Professor Moriarty, "dem Napoleon des Verbrechens", ereilte. Kämpfend stürzten die beiden Kontrahenten in den "Abgrund, aus dem Gischt aufwallt wie Rauch aus einem brennenden Haus" ("Das letzte Problem").

In der ehemaligen englischen Kirche neben dem Parkhotel ist heute ein Holmes-Museum mit der Nachbildung seines Arbeitszimmers in 221 b Baker Street eingerichtet; alles sehr hübsch und originalgetreu bis zum persischen Pantoffel neben dem Kamin, in dem der Herr seinen Knaster aufzubewahren pflegte.

Der fadenscheinige Vorwand für das Mörderspiel ist die Tagung einer internationalen Moriarty Society, in deren Verlauf "Schreckliches das Hotel aus seiner gediegenen Ruhe reißen wird" (Prospekt). Ein Mord geschieht, und die Gäste dürfen mitraten, wer’s war und warum es geschah. In ihren Reihen mischen etliche Eingeweihte mit, und natürlich ist auch die Polizei nicht echt. Es gilt, vom Zeitpunkt des Eintreffens an die Augen aufzuhalten, denn am Freitag abend – so ein heißer Tip – werden sämtliche Spuren gelegt.

Erstes Verdachtsmoment: Ich trage mein Gepäck in den zweiten Stock, während eine resche junge Dame mit dem Schlüssel klimpernd vorausgeht. Die Bettbezüge zeigen ein schreckerregendes Muster aus orange und braunen Streifen.

Zweites Verdachtsmoment: Die Spielleitung. Ein dicker, junger Mann, ganz in Weiß, wie ein Fußpfleger, fordert die Gäste auf: "Bitte überwinden Sie Ihre mitteleuropäische Reserviertheit. Sprechen Sie mit Unbekannten." Das kommt für mich in der Schweiz doch recht überraschend.