Drittes Verdachtsmoment: Die Präsidentin der Moriarty Society begrüßt vor dem Dinner die "Mitglieder und Mitgliederinnen" – dies möglicherweise nur eine sprachliche bernisch-oberländische Eigenheit, zumal ohne Folgen; nicht ein einziger Aufschrei.

Viertes Verdachtsmoment: Um 23.28 Uhr wird ein verkommenes Subjekt namens Adrian Zürcher, das sich dem Vernehmen nach der Saxophonistin des aufspielenden Quintetts lästig gemacht hat (Zeugin Daniela, Tenorsaxophon: "mühsam und schleimig"), reglos und mit einer schweren Kopfwunde im Aufzug gefunden. Befindet sich ein Arzt unter den Zuschauern? Jawohl. Dr. Peter Marti: "Dieser Mann ist keines natürlichen Todes gestorben."

Fünftes Verdachtsmoment: Dr. Marti. Die Leser des "Letzten Problems" werden sich erinnern, daß eine reisende Britin im "Englischen Hof" sich weigerte, einen Schweizer Arzt zu konsultieren, und nach Dr. Watson schickte. Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Das reicht für den ersten Abend? Gefehlt. Vor dem Frühstück am Samstag erfahren die Gäste, daß sich in der Nacht drei weitere Todesfälle ereignet haben. (Die Regie war mit dem Zeitplan schwer in Verzug geraten). Apotheker Ballinari aus Bern wurde mit blutigem Kopf in seinem Bett gefunden. Der arglose Reporter Häberli verunfallte auf dem Heimweg ("durchschlug die Abschrankung und soff ab"), eine schöne Griechin fand den Tod durch Erdrosseln. Ein Gast entdeckt die Mordwaffe auf seinem Balkon. Der Darsteller des Kommissars wirkt übernächtigt. Er habe nur zwei Stunden geschlafen, und nun muß er sein Verhör auf "Schriftdeutsch" führen, zum Beispiel die Witwe Ballinari befragen, ob der Ermordete "manchmal humorvoll aufgrund von Getränken" war. Die Witwe übersetzt ebenfalls direkt aus dem Bern-Dütsch: Sie habe keinen Einblick in seine Trinkgewohnheiten gehabt. Der Kommissar: "Verwunderlich, verwunderlich."

Auch die Gäste wundern sich, obwohl ihnen die Ermittlungsergebnisse frisch aus dem Verhörraum auf einer wachsenden Reihe von Stellwänden mitgeteilt werden: Protokolle und Indizien, das "Seili" vom Hals der Griechin und die Zigaretten des Herrn Zürcher. Was hätten diese und die beiden anderen gemein? Nichts. Wenn die Saxophonistin sich des Zürchers entledigt hätte..., warum sollte sie dem Apotheker ans Leben, der in der Bar so hübsche Tessiner Lieder geträllert hatte? Ein völlig abseitiges musikalisches Genre, aus dem keine Konkurrenz erwüchse. Offenbar ist ein planlos Verrückter am Werk. Die Dame im Rollstuhl in ihren Pumps (!)? Sollte man versuchen, sie umzukippen? Der ältere Herr im lila Jogginganzug mit asymmetrisch angeordneten Lamettafäden, der geradezu grell auf sich hinweist? Mörder – oder nur Freibeuter, die ihren eigenen Spaß inszenieren und die Regie in die Bredouille bringen? "Bitte beleidigen Sie niemanden und dringen Sie nicht in fremde Hotelzimmer ein", hatte Hotelier Musfeld die Spielregeln festgelegt. So bleiben auch Entschlossenere Zaungast.

Wir gehen den Reichenbachfall besichtigen, der an diesem Samstag als wenig überzeugendes Rinnsal auftritt. Die Witwe Ballinari vertraut mir unterwegs an, ihr sei bereits Trost aus anderen Quellen erwachsen. Das macht sie selbstverständlich zur Verdächtigen Nummer fünf.

Sechstens: Das Quintett ist plötzlich ein Quartett. Der Altsaxophonist wird nackt und mit einem Fön in der Badewanne gefunden. Sein Bekennerbrief – er sei der Mörder, er verfüge über mehr kriminelle Phantasie als sämtliche Mitglieder der schlappen Moriarty Society – wird vom Posaunisten als Fälschung abgetan. Der Kommissar hat sein Augenmerk inzwischen auf den kleinen Herrn im lila Jogger gerichtet, der sich ins Bild setzt, als er unvermutet behende den Flur entlanggaloppiert, um den Nackten im Wasser zu blitzen.

Hotelier Musfeld macht sich verstärkt Sorgen um noch mehr zahlungsunfähige Gäste. In Zeiten der Rezession könne er keinen entbehren. Und nun packt auch noch die Musik ein. Eine Interlakener Kindergärtnerin glaubt nicht an Selbstmord. Nicht vor dem Abendessen: ein "Festival de Flambage" und ein preisgekröntes Dessert des Juniorchefs. Ein armer Musiker hätte sich das nicht entgehen lassen. Doch dann ist man auch an der Bar des Spekulierens satt.