Um der Rattenplage Herr zu werden, beschäftigt die Zwölf-Millionen-Stadt Bombay Rattenfänger, die nachts durch die Straßen ziehen. Für jede erschlagene Ratte gibt es eine halbe Rupie. Wer pro Nacht fünzig Ratten tötet, bekommt also 25 Rupien, etwas mehr als eine Mark. Davon kann selbst in Indien keine Familie leben. Dennoch meldeten sich, als vor kurzem 71 neue Rattenjäger eingestellt werden sollten, 32 000 Bewerber für diese Arbeit. Vierzig Prozent waren Abiturienten und College-Abgänger.

George Fernandes, der Chef der indischen Sozialisten und prominentester Gewerkschaftsführer des Landes, erzählt diese Episode voller Grimm. An diesem einen Beispiel läßt sich das ganze Dilemma Indiens darstellen. Zu viele Menschen, zu wenig Jobs, zu große Rückständigkeit. Selbst für viele Hochqualifizierte bleibt nur ein Rattenfängerdasein. "Und dann will uns die Welt mit Coca-Cola, McDonald’s und Cornflakes beglücken? Sie verkaufen uns unser Wasser und unseren Zucker, tun ein bißchen amerikanische Chemie dazu, und schon holen sich allein Coke und Pepsi eine Milliarde Rupien Gewinn aus dem armen Indien ins reiche Amerika. Wir wollen diese Leute hier nicht haben." Was Fernandes ärgert, ist eine der Folgen der Liberalisierungspolitik der Regierung unter P.V. Narasimha Rao. Die seit Mitte 1991 betriebene Öffnung des indischen Marktes hat zwar die Exporte stark steigen lassen, zugleich aber auch internationale Konzerne angezogen, die nicht zuletzt der große Inlandsmarkt lockt.

In seinem mit Büchern und Papieren vollgestopften altmodischen Bungalow plant George Fernandes, der noch heute darauf stolz ist, daß er 1977 als Industrieminister Coca-Cola und IBM aus Indien herausgeworfen hat, einen neuen Feldzug "gegen die kulturelle und wirtschaftliche Überfremdung" durch die Multis. "Wir sind nicht gegen die neue Wirtschaftspolitik", sagt Fernandes, "doch die Liberalisierungsmaßnahmen sollten die Produktivität und Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft steigern und den Export fördern, nicht aber den Multis Tor und Tür öffnen, um uns auszurauben." Noch im Dezember will er zusammen mit den Kommunisten und den maoistischen Naxaliten landesweite Protestdemonstrationen starten. Daß es gelungen ist, den Riesen Cargill davon abzuhalten, in Gujarat eine Salzfabrik zu bauen, sieht er als gutes Omen. Schließlich produzieren die 20 000 kleinen Salzschöpfer Indiens schon vier Millionen Tonnen mehr, als der indische Markt braucht.

An den Salzstränden von Gujarat hatte einst der Widerstand des Mahatma Gandhi gegen die Fremdherrschaft und die ausländischen Waren begonnen, die die heimischen Handwerker ruinierten. Swadeshi, das magische Konzept, alles aus eigener Kraft zu produzieren, beflügelt aufs neue viele indische Gemüter. Dabei laufen dem Sozialisten Fernandes Verbündete zu, die er eigentlich nicht will. Die RSS, der Rechtsaußen-Flügel der hindu-faschistischen Indischen Volkspartei (BJP), hat den Slogan "Kauft indisch" ausgegeben und propagiert eine nebulöse Hinduwirtschaft.

Auf der anderen Seite ist es die indische Wirtschaft, die plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommt. Die gleichen Leute, die die radikale Wirtschaftsreform des indischen Premiers Rao und seines Finanzministers Manmohan Singh vor zweieinhalb Jahren euphorisch begrüßten, fürchten nun, von der ausländischen Konkurrenz erdrückt zu werden. "Die Angst vor den Ausländern" hieß vor kurzem das Titelthema des führenden indischen Wirtschaftsmagazins business world und traf damit so genau die Stimmung, daß die Ausgabe binnen kurzem ausverkauft war.

Es ist wohl kein Zufall, daß ausgerechnet das markanteste Symbol westlichen Konsums die indische Geschäftswelt das Fürchten gelehrt hat. Denn noch ehe Coca-Cola im Oktober nach Indien zurückkehrte, hatte bereits der größte indische Cola-Hersteller mit einem Marktanteil von siebzig Prozent (Marke: Thumbs up) kapituliert. Für sechzig Millionen Dollar verkaufte Ramesh Chauhan sein Getränkeimperium an den amerikanischen Giganten. Dafür darf Parle, die alte Firma, die Vermarktung behalten, und Chauhan wird Chef der neuen Firma Cola-Parle, von der, so fürchtet man, bald nur noch Cola übrigbleiben wird.