Viel bekommt man ja hierzulande nicht mit von der jungen polnischen Lyrik, und auch in Polen selbst finden unbekannte Dichter kaum einen Verleger. Im Zuge der Umstrukturierung des Verlagswesens wird hauptsächlich gut verkäufliche Populär-Literatur verlegt. Der kleine zweisprachige Band der jungen polnischen Lyrikerin Iwona Mickiewicz (aufgewachsen in der Ukraine und in Polen, Jahrgang 1963) ist da eine Überraschung (Puppenmuseum; Gedichte; aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer; Lucas Presse/Oberbaumverlag, Berlin; 46 S., 26,-DM). Und noch dazu überraschend aktuell, da er den akuten Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Hoffnung und Skepsis vielschichtig widerspiegelt. Wobei die Skepsis überwiegt.

"Eine Gestalt die nichts ändert / weder die Zeit des Aufenthalts der Arche / Noch den Ort des wahren Abkommens / als sähe ich es zum letzten Mal". Formal – auch thematisch – haben Iwona Mickiewicz’ Gedichte ihre Wurzeln in der Tradition der letzten Nachkriegsromantiker. Die Grundstimmung ist Vorsicht, eine Vorsicht, die weiß, wie fragil jene Momentaufnahmen sind, in denen alles in Ordnung scheint. In die Alltagsstimmung einer Kleinstadt, einer Wohnung fügen sich Bilder, die die Wahrscheinlichkeit nahelegen, daß das alles sich sehr schnell und kaum zum Besseren ändern kann.

Ein lyrisches Ich setzt sich und seine Gegenwart in Verbindung mit der kollektiven Erinnerung. "Welch ein Glück daß die Blutflecken nur Rosen und Mohn in Vasen sind / Aber wenn ich dich dort tatsächlich irgendwann finde / Wird mir dann diese rote Armbinde stehen / im Schutt von Häusern und Straßen".

Eine gewisse Klapprigkeit, wie sie die wenig sensible deutsche Übertragung vermittelt, kann man der Originalfassung aber ganz und gar nicht anlasten (im übrigen sind gleich im ersten Gedicht zwei Stellen glatt an der Intention des Originals vorbeiübersetzt). Iwona Mickiewicz bleibt zwar nicht immer auf der Höhe ihrer ahnungsvollen Ansätze – da kann ein Vers ins Geläufige abstürzen ("Und schweigen in allen Sprachen der Welt"), da kann, wie in dem Titelpoem "Puppenmuseum", die allzusehr strapazierte Metapher flach und farblos werden – aber da sind auch Sprach-Bilder, die Eindruck machen mit ihrer gebrochenen Romantik; die stimmen und bleiben haften. Dieser Band gehört auf jeden Fall hinein in das Regal mit lesenswerter junger Lyrik.

Katharina Döbler