Von Hans Schuh

Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert hat vor, am Donnerstag dieser Woche in Bonn den alljährlichen Bericht über den Zustand des deutschen Waldes vorzulegen. Nehmen wir einmal tollkühn an, der Minister würde sich dabei nicht nach politischen, sondern rein wissenschaftlichen Maßstäben richten. Seine Präsentation fiele dann sehr nüchtern aus, etwa so:

"Wir haben in diesem Jahr bundesweit die Nadel-Blatt-Verluste von rund 85 000 Bäumen geschätzt. Hierbei haben wir festgestellt, daß der Anteil der deutlich geschädigten Bäume im Vergleich zum Vorjahr von 27 auf 24 Prozent zurückgegangen und jener der gesunden Bäume von 73 auf 76 Prozent gestiegen ist. Diese schwache Besserungstendenz läßt sich nicht interpretieren, denn sie liegt im Rahmen der Schätzfehler. Da uns die alljährliche Beobachtung der Verlichtung der Baumkronen bei der Suche nach den Ursachen der neuartigen Waldschäden nicht weiterbringt, werden wir sie künftig massiv reduzieren und dafür sorgen, daß die eingesparten Millionenbeträge der präziseren Erforschung des Ökosystems Wald zugute kommen."

Peter Splett, Fachmann für neuartige Waldschäden im Bonner Landwirtschaftsministerium, schloß auf Anfrage einen solchen Vorstoß seines Ministers aus. Dabei würde sich Borchert damit lediglich der bayerischen Staatsregierung anschließen. Ende Oktober präsentierte nämlich sein Ministerkollege Reinhold Bocklet den bayerischen Waldzustandsbericht. Im waldreichsten Bundesland – hier steht knapp ein Viertel des deutschen Waldes – hatte sich der Anteil der deutlich geschädigten Bäume innerhalb eines Jahres drastisch von 32 auf 22 Prozent verringert. Dies fand Bocklet zwar erfreulich, er warnte jedoch, die Verbesserung zu überschätzen. Da sich die Schadstoffbelastung in Bayern kaum verändert habe, lasse "die Erholung des Waldes keine eindeutigen Rückschlüsse auf die lufthygienische Situation zu", sagte er. "Nach Einschätzung der Wissenschaft sind wechselnde äußere Einflüsse wie beispielsweise die Witterung maßgeblich an den festgestellten Schwankungen in der Benadelungs- und Belaubungsdichte der Waldbäume beteiligt." Er forderte, die Förster nicht mehr jährlich, sondern nur noch alle zwei bis drei Jahre zum Blätterzählen in den Wald zu schicken, und das bayerische Kabinett beauftragte ihn, sich dafür in Brüssel einzusetzen.

Unterstützung erhielt Bocklet auch von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Deren bayerischer Landesverband sagte es deutlich: "Die alljährliche Waldzustandserhebung hat mit einer Erforschung der Baumschäden nichts zu tun."

Karl-Eugen Rehfuess, Bodenkundler an der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Universität München, teilt diese Auffassung: "Die alljährliche Waldzustandserhebung bringt uns wissenschaftlich nicht weiter. Es ist eine alte Forderung des Forschungsbeirates der Bundesregierung, von dieser Form der Inventur abzugehen zugunsten präziserer Untersuchungen der Bäume, des Bodens, des lokalen Klimas und der genauen Schadstoffbelastungen an ausgewählten Dauerbeobachtungsflächen. Wir müssen endlich davon wegkommen, Besserungen des Waldzustandes auf günstigeres Wetter und ebenso unerklärliche Verschlechterungen auf die Schadstoffbelastungen zu schieben."

Rehfuess ist Mitglied der Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Diese Kommission lädt seit Jahren Forstwissenschaftler und Biologen aus ganz Europa zu Diskussionen über den neuesten Forschungsstand. Erst kürzlich hat sie ihre wesentlichen Ergebnisse zusammengefaßt: