Welt als Spiel & Ich als Gott – Seite 1

Von Libuše Moníková

März, April 1953. Wir hocken in einem Loch, einem Lagerraum, dessen Fenster in einen Lichtschacht führen, auf dem Fußboden Kacheln, in der Wand sechzehn Kaminausgänge, hinter denen sich der Ruß des Hauses staut; die Wohnungen der normalen Mieter fangen ein Stockwerk höher an. Wir sind aus Karlsbad nach Prag zurückgekehrt, eine Familie mit vier Kindern; die Mutter sprachlos, auch für uns Kinder hat das Abenteuer Grenzen, nach der langen Fahrt sind wir müde und frieren.

Der Vater auch seltsam schweigsam, versucht nicht einmal, es wieder zu rechtfertigen – es gab keine andere Wohnung auf die Schnelle in Prag, wir werden schon sehen, gleich morgen geht er aufs Wohnungsamt... Man kann an die Bittgänge des Vaters im "Schloß" denken oder an den alten Marmeladow in "Schuld und Sühne", ich kannte damals aber weder Kafka noch Dostojevskij.

Statt dessen liegt ein Buch auf dem Blechsims des Fensters, ein Oktavheft, schwarz umrahmt. Ladislav Klima – "Die Welt als Bewußtsein und Nichts". Ein Begrüßungsgeschenk des Vorgängers, der für dieses Loch unsere Etagenwohnung im zweiten Stock mit Blick auf die Promenade in Karlsbad bekam?

Später versuche ich darin zu lesen, fange Fetzen auf: "Es scheint uns, daß es scheint, daß etwas ist." Die Welt als Fiktion, als reines Produkt des Geistes. Was zählt, ist der absolute Wille, das Bewußtsein; Hunger, Kälte sind keine Kategorien. Eine extreme Form des subjektiven Idealismus auf tschechischem Boden. Ich merke, daß ich nachträglich einiges hineininterpretiere; es war weitgehend unverständlich.

Ich weiß nicht, ob der Vormieter ein Zyniker war, ob er das Buch überhaupt gelesen hatte, ob es nur Zufall war. Klima hätte an der Wohnung wahrscheinlich seine Freude gehabt. Als wir sie endlich verließen, wurde Klima mitgenommen.

In seiner "Autobiographie" gibt er Auskunft über seine Lebensweise. "Längere Zeit aß und trank ich nur: rohes Mehl (eventuell eingeweichten Weizen oder Erbsen), rohes Fleisch, rohes Ei, Milch, Zitronen und rohes Gemüse; dabei war ich in idealster Weise gesund – und kein Millionärs-Gourmand kotzte bei seinen Austern und ähnlichem Dreck mit solcher Lust, wie ich mein Kilo rohes Pferdefleisch mit den Zähnen riß... Sich vor etwas ekeln ... unbekannt. Einmal klaute ich einer Katze die totgebissene Maus und fraß sie auf, so wie sie war, samt Haar und Knochen – als hätte ich einen Knödel verspeist..."

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Menschen kann man unter anderem in Katzenliebhaber und Hundeliebhaber einteilen. Aus mehreren Gründen empfinde ich zu Ladislav Klima eine Affinität: "Meine einzigen Gefährten, die ich liebte, waren Katzen, jede Menge Katzen. Sichtbare Wesen, die ich am meisten liebe, sind Berge, Wolken und Katzen – und wohl doch vielleicht auch Frauen. ... Soldat war ich, trotz siebenfacher Musterung, nie, obgleich ich einer der gesündesten Menschen in Austria war ... Wer daran glaubt, daß mens sana in corpore sano, kann mich nicht zu den Psychopathen zählen."

Ladislav Klima wurde am 22. August 1878 in der südböhmischen Stadt Domažlice geboren, der Vater Beamter, ein mäßiger "Wohlstand". Seit frühester Kindheit Scheu (genauer Abscheu) vor Menschen, allen voran vor der Familie, den Geschwistern und Eltern, da sie ihm zu nahe standen. Von früh an eigenwillig, mit starkem Interesse an Philosophie. Mit siebzehn von allen zisleithanischen Lehranstalten ausgeschlossen, weil er die Habsburger in einer Schularbeit eine "Schweinedynastie" genannt hatte. Ein Semester verbrachte er noch an einem Gymnasium im transleithanischen Zagreb, danach zurück nach Böhmen, "entschlossen, keine Schule mehr zu betreten und keinen Beruf je auszuüben". In Zagreb machte er die Bekanntschaft mit der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers, dem sein Erstling "Die Welt als Bewußtsein und Nichts", 1904 anonym veröffentlicht, wesentliche Impulse verdankt. – Die Ausgabe auf dem Fenstersims in Prag war wohl die zweite Auflage von 1928, im Jahre seines Todes erschienen.

Zwischen 1906 und 1909 entstanden die meisten Prosatexte, darunter der große Roman, mit dem vorläufigen Titel "Menschliche Tragödie und göttliche Komödie", konzipiert in sieben bis acht Teilen auf 4000 Seiten, von denen etwa 1000 erhalten sind, in losen, mit Bleistift beschriebenen Blättern; "Der Tschechische Roman", eine Parodie auf die bürgerliche Gesellschaft und ihre Moral, die Novelle "Glorreiche Nemesis" und die groteske Schauergeschichte "Die Leiden des Fürsten Sternenhoch". Dazu Dutzende kürzerer Texte, Entwürfe, Erzählungen, Novellen, von denen die meisten verlorengehen. Später entstanden einige Stücke, "Matthias Ehrlich" wurde 1922 aufgeführt und nach kurzem wieder abgesetzt. Das Hauptinteresse Klimas nach 1909 galt der Philosophie. Nach dem Verzehr des Familienerbes mittellos, lebte er ohne Bindungen, nur seinen Gedankenwelten und seinen geistigen Ansprüchen verpflichtet. Über die spärlichen Tätigkeiten, die er nur in äußerster Not und immer nur für kurze Zeit ausübte, gibt seine Autobiographie Aufschluß. 1915 zwei Monate als Führer eines Lokomobils für das Abschöpfen von Flußwasser, dann: "Über ein Jahr ohne Arbeit, wenn man von den äußerlichen Tätigkeiten das Schreiben und das anhaltende Saufen, vor allem mit dem bewundernswerten Reichsdeutschen F. Böhler, als solche nicht bezeichnen will. Zum ersten Mal im Leben verkehrte ich hier mit bestimmten Leuten – allesamt Deutschen – täglich – sowie später mit Juden. Im November Verwalter in einer kleinen völlig verlassenen Fabrik. Meine Arbeit beschränkte sich auf dauerndes Trinken... Daß ich meiner Verpflichtung nicht nachging, war rechtens, zum Ausgleich dafür, daß ich, obgleich ich viele wertvolle Dinge hätte stehlen und sehr leicht verkaufen können, nichts, ich Tor, gar nichts gestohlen habe, ausgenommen, daß ich eine Flasche Äther aussoff. 1921... Es wurde nicht so intensiv getrunken wie mit Böhler, dafür um so extensiver – über Monate täglich bis in den Morgen und länger. (Am intensivsten und extensivsten soff ich aber immer allein – damit kein Arschloch irgendwann behaupten kann, X.Y. hätte mich verführt.)" Das klingt ziemlich laut, wichtiger ist dabei die Erwähnung seines Freundes Böhler, mit dem er später einen dadaistischen Roman "Die Suche der blinden Schlange nach Wahrheit" auf deutsch geschrieben hat.

Auch die anderen Kontakte verliefen weniger grob, als Klima sie schilderte. Von seinen Zeitgenossen und Bewunderern, zu denen der bedeutende Kritiker F.X. Saida gehörte und der Dichter Otokar Brezina, wurde Klima als einer im täglichen Umgang äußerst feinfühliger, rücksichtsvoller und aufmerksamer Mensch geschätzt. Am liebsten war er allein, Einsamkeit war ihm Bedingung seiner Produktion, seines Denkens. Sein Alkohol- und Tabakkonsum waren exzessiv; seit dem Rauchverbot in den Prager Straßenbahnen legte er die beträchtlichen Entfernungen von einem Ende der Stadt ans andere zu Fuß zurück, zu jeder Jahreszeit. "Kein Affekt, der heute zwei Prozent Macht über mich hätte ... Wünsche, Sehnsüchte, Verlangen habe ich fast keine mehr, – allenfalls die des Augenblicks, doch diese sterben, kaum daß sie geboren wurden; das gilt auch von Sorgen. Bedauern, ‚Gewissensbisse‘, Schuldgefühle, Neid, Eifersucht – mir seit jeher völlig unbekannte Dinge; sie eignen offenbar nur dem Vieh; Mitgefühl mit Tieren enorm und blamabel; doch zu neunzig Prozent überwunden; mit Menschen – nahezu gar nicht; aber ich bin nichts weniger als ein Misanthrop, – im Gegenteil: Ich habe die Menschen auf eine besondere Art gern – ähnlich wie die Läuse."

Als Autodidakt verachtete Klima die offizielle akademische Philosophie und machte sich über sie lustig. In seinem großen Roman bereitet er seinem Superhelden Fabio, einem Gotteslästerer und Massenmörder, der sich nach dem Gesetz des Stärkeren über die menschliche Moral hinwegsetzt, ein schreckliches Ende. Ein Phantom, sein eigener Schatten, besucht den erschöpften Fabio, um ihn aufzuklären:

",Wird mein Tod schrecklich sein?’ – Ja, Herr!

... Du wirst etwas ungeheuer Niedriges und Armseliges werden!’ – ‚Eine Kröte? ... Eine Spinne? ... Ein Mistkäfer?‘ – ‚Etwas noch viel Schlimmeres... Du wirst – Professor!... Professor der Philosophie, namentlich der Moral!‘ Fabio begann wie eine sterbende Hyäne zu schreien. ... ‚Halts Maul, du Hund!‘ Und er versetzte seinem Schatten eine so schreckliche Ohrfeige, daß dieser zu Boden stürzte. ‚Mein Stolz ist dahin! Ich bekenne, daß ich ein Hund bin, ein Hundedreck! Verwende dich für mich bei König Orkus, damit er mich zu einem Hundedreck macht!‘ – ‚Das wird er, mein Herr. Denn ein Universitätsprofessor der Ethik ist dessen Extrakt.‘ ... Und sein Zwilling lachte laut auf, spuckte ihm ins Gesicht und sagte: Wir werden uns nie mehr wiedersehen, Hundedreck! Verrecke, bald, bald! Wie ich mich für dich schäme! Ich habe etwas besseres verdient, als einen Professor zum Herrn, etwas besseres, als der Schatten eines Professors der Ethik zu sein – ... pfuj, du Hund! Pfuj, pfuj! Professor!’ Bei diesem Wort erbrach er sich auf Fabios leichenblasses Gesicht – und verschwand."

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An dieser Stelle gefällt mir die Vorstelllung, daß der eigene Schatten eine Ohrfeige bekommt.

In der Schauergroteske "Die Leiden des Fürsten Sternenhoch" ist der Held entgegen seinem Namen kein Übermensch, sondern ein armer Teufel, der von der Vision seiner ermordeten Frau verfolgt wird. Das Thema findet sich auch in der Novelle "Glorreiche Nemesis"; Tod, Verfolgung, Wahn kehren bei Klima immer wieder.

Inmitten abgenagter Brüste, Lippen und Ohren (bei Fabio), lebendig begrabener Opfer, Szenen von Sodomie, Inzest, Nekrophilie und blasphemischer Tiraden mag der Leser zuerst Mühe haben, die Koprophilie, der Kannibalismus dürften gar unappetitlich anmuten, nur hat der gute Geschmack mit Kunst so wenig zu tun wie die wiederkehrende Sorge der vor Kameras plaudernden Literaturkritiker, sie würden unter ihrem Niveau lachen. Dann sollen sie es lassen! Von gleichen Szenarien bei Poe, de Sade oder Hans Henny Jahnns Dramen unterscheidet sich Klimas Prosa wohltuend durch ihre Komik. (Nur ein Arno Schmidt kann "Pit and Pendulum" als voyeuristisch motivierten Spaß deuten.)

In der Berliner Edition Sirene ist eine Auswahl von Klimas Texten unter dem Titel "Postmortalien" erschienen; am interessantesten darin seine "Autobiographie". Derselbe Verlag hat das Verdienst, bereits 1986 "Die Leiden des Fürsten Sternenhoch" herausgegeben zu haben (als Nachdruck von 1966). In tschechischen Verlagen werden gegenwärtig Klimas verstreute Texte mit einem Eifer auf den Markt gebracht, als lebte man

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noch in Samisdat-Zeiten, und die Menschen wären nach verbotener Literatur ausgehungert.

Wenn der arme, wahnsinnige Sternenhoch seine ermordete Gattin trifft – sie ist wieder einmal ganz Gerippe, Totenschädel, nur dünne Haut auf den eitrigen Augen, blaß, schrecklich, beschreibt er ihre Farbe: "Wie ein Wassermann mit Gelbsucht."

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Schön die Audienzen bei Willy, das heißt dem deutschen Kaiser Wilhelm, dessen Günstling und engster Berater der debile Sternenhoch ist. Die immer gute Laune des Kaisers bei seinem Anblick, sein goldiger Sinn für Humor, wenn er ihn einen Kessel voll Bohnen, Kohl, Rüben vertilgen läßt und ihn anschließend um zwanzig Millionen anpumpt. Päderasten als Staatsminister, die sich in Nebenräumen des Palastes verlustieren, und dazwischen der arme Sternenhoch, von seiner Helga-Daimona verfolgt, auf der Suche nach einem Versteck vor ihr und immer mehr – nach ihr selbst.

Klima verstand sich niemals als Literat; seine Prosa war nur ein Nebenprodukt seiner Philosophie und diente ihm als Einübung in die spätere "Praxis". Die Qualität der Texte schwankt entsprechend. Er bezeichnete die Art seines Schreibens als "Rotzen auf alles, was bisher Literatur hieß". Stellenweise gelangen ihm faszinierende Texte.

Das Verfahren hängt von seiner jeweiligen Verfassung ab. Banalitäten werden transponiert auf eine Metaebene, verklärt zum Nonsens und Dada, Surreales, Träume, Visionen werden eingebaut, es wird entschwebt, erleuchtet, postuliert: "Ludibrionismus" – die Welt als Spiel des freien Willens; "Deoessenz" – das Ich als Gott. Der ganze Schwulst des gotischen Romans, philosophisch verbrämt; aber dann bekommt der eigene Schatten eins in die Fresse, und das dämonische Gespenst, der Tod selbst, sieht aus wie ein Wassermann mit Gelbsucht. Klima arbeitet nicht auf Pointen hin, sie passieren ihm beim Schreiben, wie nebenbei – ein poetischer Mehrwert.

1910 notiert er, quasi als Nachwort zu seinem literarischen Schaffen: "Die Form des Romans, wie er bis heute geschrieben wird, ist zu eng. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich eine absolut freie, durch nichts zu bändigende, vom Hohngelächter einer souveränen, göttlichen Skepsis beherrschte Form einfindet." 1928 starb Ladislav Klima mit fünfzig Jahren an Tuberkulose.

Seine Werke wurden von Freunden gesammelt: als lose Blätter in den Papierkörben billiger Hotels entdeckt, unter Tischen von Gasthäusern, oft samt deren Verfasser.

Auch Hašek war der Mittelpunkt von Kneipen, und nach ihm Hrabal. Daraus entsteht in Böhmen Literatur, entstand zumindest bis unlängst, solange sich die Tschechen das Bier in ihren eigenen Kneipen noch leisten konnten. Heute sitzen Amerikaner da und vertilgen Hamburger, lassen die Zutaten aus Minnesota einfliegen und üben sich in Dichtung: Das bemühte Warten auf neue Fitzgeralds und Hemingways ebbt noch nicht ab. Von Klima wissen sie nicht. Kaum von Hrabal.

Für Bohumil Hrabal bedeutet Klima eine Spitze des fünfzackigen Sternes, den er als seine Poetik vorstellt: Franz Kafka, Jakub Deml, Jaroslav Hašek, Richard Weiner, Ladislav Klima. Auf den Spuren von Klima finden sich auch andere Autoren und ihre Texte; "Der Blutige Roman" von Josef Vächal ist eine weitere Kostprobe aus dem Giftschrank der tschechischen Moderne.

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Am Ende meines Romans "Die Fassade" tragen die Werktätigen während der 1. Mai-Parade ein Transparent mit der Parole: "Wo sind die Gesammelten Werke von Ladislav Klima?"

Ich bin mir bewußt, daß die Werktätigen die letzten wären, die nach Klima fragen würden, es sei denn, es waren damals, 1978, als Fensterputzer und Tellerwäscher angestellte Philosophieprofessoren. Und was Klima von denen hielt, wissen wir.

  • Ladislav Klima:

Postmortalien

herausgegeben von Peter Sacher und David Souček; aus dem Tschechischen von Susanna Roth und Peter Sacher; 1993; 400 S., 54,– DM

Die Leiden des Fürsten Sternenhoch

Aus dem Tschechischen von Franz P. Künzel; 1986; 240 S., 32,– DM

Beide in der Edition Sirene, Berlin, erschienen