Menschen kann man unter anderem in Katzenliebhaber und Hundeliebhaber einteilen. Aus mehreren Gründen empfinde ich zu Ladislav Klima eine Affinität: "Meine einzigen Gefährten, die ich liebte, waren Katzen, jede Menge Katzen. Sichtbare Wesen, die ich am meisten liebe, sind Berge, Wolken und Katzen – und wohl doch vielleicht auch Frauen. ... Soldat war ich, trotz siebenfacher Musterung, nie, obgleich ich einer der gesündesten Menschen in Austria war ... Wer daran glaubt, daß mens sana in corpore sano, kann mich nicht zu den Psychopathen zählen."

Ladislav Klima wurde am 22. August 1878 in der südböhmischen Stadt Domažlice geboren, der Vater Beamter, ein mäßiger "Wohlstand". Seit frühester Kindheit Scheu (genauer Abscheu) vor Menschen, allen voran vor der Familie, den Geschwistern und Eltern, da sie ihm zu nahe standen. Von früh an eigenwillig, mit starkem Interesse an Philosophie. Mit siebzehn von allen zisleithanischen Lehranstalten ausgeschlossen, weil er die Habsburger in einer Schularbeit eine "Schweinedynastie" genannt hatte. Ein Semester verbrachte er noch an einem Gymnasium im transleithanischen Zagreb, danach zurück nach Böhmen, "entschlossen, keine Schule mehr zu betreten und keinen Beruf je auszuüben". In Zagreb machte er die Bekanntschaft mit der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers, dem sein Erstling "Die Welt als Bewußtsein und Nichts", 1904 anonym veröffentlicht, wesentliche Impulse verdankt. – Die Ausgabe auf dem Fenstersims in Prag war wohl die zweite Auflage von 1928, im Jahre seines Todes erschienen.

Zwischen 1906 und 1909 entstanden die meisten Prosatexte, darunter der große Roman, mit dem vorläufigen Titel "Menschliche Tragödie und göttliche Komödie", konzipiert in sieben bis acht Teilen auf 4000 Seiten, von denen etwa 1000 erhalten sind, in losen, mit Bleistift beschriebenen Blättern; "Der Tschechische Roman", eine Parodie auf die bürgerliche Gesellschaft und ihre Moral, die Novelle "Glorreiche Nemesis" und die groteske Schauergeschichte "Die Leiden des Fürsten Sternenhoch". Dazu Dutzende kürzerer Texte, Entwürfe, Erzählungen, Novellen, von denen die meisten verlorengehen. Später entstanden einige Stücke, "Matthias Ehrlich" wurde 1922 aufgeführt und nach kurzem wieder abgesetzt. Das Hauptinteresse Klimas nach 1909 galt der Philosophie. Nach dem Verzehr des Familienerbes mittellos, lebte er ohne Bindungen, nur seinen Gedankenwelten und seinen geistigen Ansprüchen verpflichtet. Über die spärlichen Tätigkeiten, die er nur in äußerster Not und immer nur für kurze Zeit ausübte, gibt seine Autobiographie Aufschluß. 1915 zwei Monate als Führer eines Lokomobils für das Abschöpfen von Flußwasser, dann: "Über ein Jahr ohne Arbeit, wenn man von den äußerlichen Tätigkeiten das Schreiben und das anhaltende Saufen, vor allem mit dem bewundernswerten Reichsdeutschen F. Böhler, als solche nicht bezeichnen will. Zum ersten Mal im Leben verkehrte ich hier mit bestimmten Leuten – allesamt Deutschen – täglich – sowie später mit Juden. Im November Verwalter in einer kleinen völlig verlassenen Fabrik. Meine Arbeit beschränkte sich auf dauerndes Trinken... Daß ich meiner Verpflichtung nicht nachging, war rechtens, zum Ausgleich dafür, daß ich, obgleich ich viele wertvolle Dinge hätte stehlen und sehr leicht verkaufen können, nichts, ich Tor, gar nichts gestohlen habe, ausgenommen, daß ich eine Flasche Äther aussoff. 1921... Es wurde nicht so intensiv getrunken wie mit Böhler, dafür um so extensiver – über Monate täglich bis in den Morgen und länger. (Am intensivsten und extensivsten soff ich aber immer allein – damit kein Arschloch irgendwann behaupten kann, X.Y. hätte mich verführt.)" Das klingt ziemlich laut, wichtiger ist dabei die Erwähnung seines Freundes Böhler, mit dem er später einen dadaistischen Roman "Die Suche der blinden Schlange nach Wahrheit" auf deutsch geschrieben hat.

Auch die anderen Kontakte verliefen weniger grob, als Klima sie schilderte. Von seinen Zeitgenossen und Bewunderern, zu denen der bedeutende Kritiker F.X. Saida gehörte und der Dichter Otokar Brezina, wurde Klima als einer im täglichen Umgang äußerst feinfühliger, rücksichtsvoller und aufmerksamer Mensch geschätzt. Am liebsten war er allein, Einsamkeit war ihm Bedingung seiner Produktion, seines Denkens. Sein Alkohol- und Tabakkonsum waren exzessiv; seit dem Rauchverbot in den Prager Straßenbahnen legte er die beträchtlichen Entfernungen von einem Ende der Stadt ans andere zu Fuß zurück, zu jeder Jahreszeit. "Kein Affekt, der heute zwei Prozent Macht über mich hätte ... Wünsche, Sehnsüchte, Verlangen habe ich fast keine mehr, – allenfalls die des Augenblicks, doch diese sterben, kaum daß sie geboren wurden; das gilt auch von Sorgen. Bedauern, ‚Gewissensbisse‘, Schuldgefühle, Neid, Eifersucht – mir seit jeher völlig unbekannte Dinge; sie eignen offenbar nur dem Vieh; Mitgefühl mit Tieren enorm und blamabel; doch zu neunzig Prozent überwunden; mit Menschen – nahezu gar nicht; aber ich bin nichts weniger als ein Misanthrop, – im Gegenteil: Ich habe die Menschen auf eine besondere Art gern – ähnlich wie die Läuse."

Als Autodidakt verachtete Klima die offizielle akademische Philosophie und machte sich über sie lustig. In seinem großen Roman bereitet er seinem Superhelden Fabio, einem Gotteslästerer und Massenmörder, der sich nach dem Gesetz des Stärkeren über die menschliche Moral hinwegsetzt, ein schreckliches Ende. Ein Phantom, sein eigener Schatten, besucht den erschöpften Fabio, um ihn aufzuklären:

",Wird mein Tod schrecklich sein?’ – Ja, Herr!

... Du wirst etwas ungeheuer Niedriges und Armseliges werden!’ – ‚Eine Kröte? ... Eine Spinne? ... Ein Mistkäfer?‘ – ‚Etwas noch viel Schlimmeres... Du wirst – Professor!... Professor der Philosophie, namentlich der Moral!‘ Fabio begann wie eine sterbende Hyäne zu schreien. ... ‚Halts Maul, du Hund!‘ Und er versetzte seinem Schatten eine so schreckliche Ohrfeige, daß dieser zu Boden stürzte. ‚Mein Stolz ist dahin! Ich bekenne, daß ich ein Hund bin, ein Hundedreck! Verwende dich für mich bei König Orkus, damit er mich zu einem Hundedreck macht!‘ – ‚Das wird er, mein Herr. Denn ein Universitätsprofessor der Ethik ist dessen Extrakt.‘ ... Und sein Zwilling lachte laut auf, spuckte ihm ins Gesicht und sagte: Wir werden uns nie mehr wiedersehen, Hundedreck! Verrecke, bald, bald! Wie ich mich für dich schäme! Ich habe etwas besseres verdient, als einen Professor zum Herrn, etwas besseres, als der Schatten eines Professors der Ethik zu sein – ... pfuj, du Hund! Pfuj, pfuj! Professor!’ Bei diesem Wort erbrach er sich auf Fabios leichenblasses Gesicht – und verschwand."