Von Harry Pross

Alle Revolutionäre täuschen sich über den Umfang des Erreichten, schrieb der Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy in seiner Systematik der Europäischen Revolutionen (1931, 1951). Der Empörung und Verblendung folge das "Zeitalter der Demütigung".

Die Reflexion der Umwelt durch die Zeitschriftenfenster des "Europäischen Hauses" scheint ihm recht zu geben. Seitdem die siegreichen Marktwirtschaftler in langen Reihen vor den Pekinger Kommunisten ihren Kotau machen, glaubt auch der letzte "FAZ-Mensch" (Günter Gaus) nicht mehr so recht an den Endsieg. Man kehrt zur Normalität zurück. Der vorgebliche Triumph der Menschenrechte verschwindet im Kleingedruckten der Handelsverträge, wenn überhaupt; aber damit sind nicht die Rahmenbedingungen des Marktes fixiert, sondern nur die des Geschäfts.

Richard B. Freeman, Experte für die Organisation des Arbeitsmarktes, schreibt von "postkommunistischer Schizophrenie" (Transit. Europäische Revue, Heft 6). Viele osteuropäische Arbeiter erwarten bessere Zukunftsaussichten in der Marktwirtschaft. Aber, so Hans-Jürgen Wagener, Wirtschaftswissenschaftler in Frankfurt/Oder, sie hätten es wissen müssen, daß der Kapitalismus "eine ziemlich ruppige Wirtschaftsordnung" ist: "Einem fünfzigjährigen Stahlarbeiter kann man nicht vorhalten, den falschen Beruf gewählt zu haben oder nicht mehr leistungsbereit zu sein. Und dennoch setzt die Stahlkrise ihn ‚frei‘." Die tief Enttäuschten hatten sich etwas anderes von ihrer Abkehr erwartet, weil man ihnen anderes versprochen hat. Die Hoffnungen, die jedermann auf ein besseres Leben setzt, verwirrten sich mit anderen Interessen.

Wagener hält Enttäuschungen nicht für den Stoff, aus dem Wirtschaftswunder gemacht werden. Richtig; aber das vielzitierte Wirtschaftswunder hatte eine funktionierende "Marktpolizei" (Alexander Rüstow). Heute hat der Markt die Polizei, nicht sie ihn. Man hing nicht dem gegenwärtig dominierenden Manchesterismus an, der mit seinem Abbau kultureller Institutionen dem entgegenwirkt, was Wagener fordert, wenn er schreibt: "Es wäre eine Illusion zu glauben, der Markt sei ein Alleskleber in Sachen Koordination. Er löst seine Aufgabe hervorragend, wo es um Produktion und Verteilung von Tomaten und Taschenrechnern geht. Wo Menschen und ihre spezifischen Interessen betroffen sind, treten Macht und Sprache als Koordinationsmedien neben das Geld. Da die Leitidee der freiheitlichen Demokratie den Gebrauch von Macht wesentlich beschränkt, fällt dem rationalen Diskurs eine zentrale Aufgabe zu. Dies gilt es zu institutionalisieren."

Ähnlich äußert sich in derselben Zeitschrift Jacek Kuron über den sozialen Schock in Polen. Er propagiert "soziale Gerechtigkeit als soziale Bewegung". Wie sie gegen die wachsende Armut durchsetzen (Aleksander Smolar: "Vom homo sovieticus zum Bürger") und gegen die Konfliktpotentiale, die sich an den kognitiven Bezugspunkten – diskreditierte Vergangenheit, enttäuschender Westen – auftun müssen? Nicht alle (Claus Offe: "Akteure und Agenda der Reform") können das "Tal der Tränen" gleich gut und gleich rasch durchqueren. Die Tal- und Wanderungsmetapher übergeht mit Stillschweigen diejenigen, die nicht nur in revolutionären Ausnahmesituationen, sondern im "gewöhnlichen" kapitalistischen Prozeß auf der Strecke bleiben.

Bemerkt werden die Gedemütigten erst in großen Zahlen und wenn ihre Leichen zum Himmel stinken. Claus Koch und Werner Weidenfeld analysieren die westliche Kehrseite der Ostprobleme trefflich: "Zivilisation der Arbeitslosigkeit oder Ende des Nationalstaats" und "Zwischen Einwanderungsdruck und Zuwanderungsbedarf" (Merkur Nr. 536). Beide Essays verbindet ein gedanklicher Rückgriff auf Hannah Arendts Idee, daß der Flüchtling die Auflösung des Nationalstaates und der Menschenrechte anzeige. Die Menschen fliehen vor der Nötigung, das Kapital dorthin, wo es nötigen kann. Der Sankt Galler Wirtschaftsethiker Peter Ulrich hat kürzlich in der Weltwoche den gravierenden Sozialzerfall, den Koch beschreibt, als eine "Drittweltisierung" der früher sozialdemokratischen Länder bezeichnet. Die Nationalökonomen machten ihre Hausaufgaben nicht. Sie plapperten einfach betriebswirtschaftliche Lösungen nach. Wer macht schon seine Hausaufgaben, wenn er im Durchzug steht und kalte Füße hat?