Von Heidi Blankenstein

Joachim Gabor, Schuhfabrikant aus Rosenheim, hat seine Entscheidung nie bereut. Er verlagerte bereits in den achtziger Jahren einen großen Teil seiner Produktion nach Portugal. "Die Menschen hier zeichnet eine überaus große Fingerfertigkeit aus; für unsere hochwertigen Schuhe ist das unerläßlich", so der Unternehmenschef.

Doch Gabor ist nicht nur von dem manuellen Geschick und der günstigeren Entlohnung seiner portugiesischen Arbeitskräfte begeistert, sondern ebenso von dem dort gutentwickelten Zuliefer- und Dienstleistungssystem. Der sozialen Struktur hat er selbst – zumindest für seine tausend Beschäftigten – entscheidend nachgeholfen. Er kann auf eigene Lehrlingswerkstätten, den Betriebsarzt, die Personaltransportmittel, Kantinen und nicht zuletzt blühende Gärten für die Arbeitspausen hinweisen.

Das Beispiel steht für die insgesamt prosperierende Entwicklung des Landes. Die Wachstumsraten liegen über dem europäischen Durchschnitt, und die Arbeitslosenquote ist mit fünf Prozent die zweitniedrigste innerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Der Unternehmensberater Stephan Stieb aus Lissabon sieht auch weiterhin gute Chancen: "Bei Lohnkosten, die nur dreißig Prozent der deutschen betragen, ist Portugal ein beliebter Standort und kann sich durchaus bis jetzt noch mit der Konkurrenz aus Osteuropa messen."

Vor allem im Vergleich zu seinem großen iberischen Nachbarn Spanien, der unter der höchsten Arbeitslosenquote Europas von über 22 Prozent leidet und dessen Wirtschaftsleistung schrumpft, hat Portugal die Nase vorn. Das bestätigt auch Günter Metzger, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Portugiesischen Handelskammer in Lissabon: "Der bessere Produktionsstandort auf der iberischen Halbinsel ist Portugal."

Grund genug für den spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzälez, neidvolle Blicke über die Landesgrenze zu seinem erfolgreicheren Amtskollegen Anibal Cavaco Silva zu werfen. Die beiden Länder folgten jahrhundertelang den gleichen geschichtlichen Erfahrungen, und beide profitieren seit 1986 in gleicher Weise von ihren Beitritten zur Europäischen Gemeinschaft.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte erlebt Portugal derzeit politische und wirtschaftliche Stabilität. Den Erfolg hat das Land weitgehend Cavaco Silva zu verdanken. Mit Energie und guten Argumenten beeindruckte der habilitierte Volkswirt die Wähler und setzte innerhalb seiner sozialdemokratischen Partei (PDS) einen pragmatischen, liberalkonservativen Kurs durch. Nach seinem Wahlsieg 1985 führte er Portugal kontinuierlich aus der Armut heraus.