Von Michael Thumann

Genf

Voll Selbstvertrauen erschien Klaus Kinkel vergangenen Montag auf der Genfer Jugoslawien-Konferenz. "Mit diesem Aktionsplan hat die Europäische Union ihre Handlungsfähigkeit wiedergewonnen", verkündete der deutsche Außenminister und fügte hinzu: "Bei einem Scheitern können wir zu Weihnachten wenigstens feststellen, daß wir alles versucht haben." Der Wunsch, den katastrophalen Ruf der europäischen Balkanpolitik aufzupolieren, war nicht zu überhören.

Der neue Plan kommt zu einer Zeit, in der die Vermittler vor Ratlosigkeit gelähmt sind. Wohl deshalb hat er im Vorfeld von allen Seiten Unterstützung bekommen. Was niemand laut sagt: Es ist eine deutsche Initiative. Doch Bonn suchte die Abstimmung mit Paris. Deshalb gilt er heute als französisch-deutscher Plan. Mit gutem Grund, denn seit dem deutschen Kreuzzug für die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens 1991 zucken viele Diplomaten bei Bonner Vorschlägen für den Balkan zusammen.

Aber diesmal soll alles anders werden. Die Europäische Union nähert sich dem Balkan programmatischer denn je: Ausgangspunkt der neuen Verhandlungen sei der vergangene Genfer Friedensplan, den die bosnischen Muslime Ende September abgelehnt haben. Die Serben müßten jetzt jedoch weitere 3,7 Prozent Bosnien-Herzegowinas an die Muslime abtreten und einem umfassenden Waffenstillstand für die serbisch kontrollierte Krajina zustimmen. Werden diese Bedingungen erfüllt, wollen die Europäer den Uno-Sicherheitsrat bitten, die Sanktionen gegen Restjugoslawien (Serbien und Montenegro) auszusetzen. Zugleich sollen sich alle drei Kriegsparteien verpflichten, die Hilfskonvois in Bosnien nicht mehr zu behindern. Der harte Winter auf dem Balkan, so die Hoffnung der EU, werde Muslime, Serben und Kroaten nach "humanitärer Hilfe" und einer "Friedenslösung" streben lassen.

Schon im November versank Bosnien im Schnee. Fast drei Millionen Menschen – Flüchtlinge, Eingeschlossene, Verwundete – müssen durch den Winter gebracht werden. In den belagerten Enklaven drohen Hungersnöte. Viele Städte und Dörfer bleiben ohne Strom, ohne Wasser, ohne Brot.

Die Not ist das Werk der Kriegsstrategen. Sie ist Teil ihrer Taktik, den Gegner zu zermürben. Bosnische Serben und Kroaten behindern systematisch Hilfslieferungen; mitunter wollen sie Gefangene herauspressen, oft einfach nur verhindern, daß dem Feind geholfen wird. Immer wieder müssen UN-Mitarbeiter zusehen, wie Teile der Hilfslieferungen in den Händen der Militärs landen, wie Konvois überfallen, Fahrer erschossen und Warenlager bestohlen werden.