Von Michael Thumann

Das Buch endet mit einem Aufschrei: "Ich hasse den Balkan!" Das kann nur einer sagen, der sich auf diese Region tief eingelassen hat. Misha Glenny berichtet seit vielen Jahren für die BBC aus Südosteuropa. Er ist mit einer Jugoslawin verheiratet, hat Freunde dort, von denen einer umgekommen ist. Woher kommt der Haß in diesem Krieg? Wie wurde er für politische Zwecke mißbraucht? Diese Fragen sucht Glenny zu beantworten.

Der Zweite Weltkrieg ließ viele Rechnungen unbeglichen. Tito habe "den Haß in der Tiefkühltruhe der Geschichte" versenkt. Doch der serbische Sozialistenführer Milošević tat alles, um die eingeschlafenen Geister zu wecken. Im kroatischen Präsidenten Tudjman besaß er einen ebenbürtigen Gegenspieler. Das Fernsehen war die Dreckschleuder des Hasses, getreu der Devise: "Die einzige Wahrheit im Jugoslawien-Konflikt ist die Lüge."

So wurden zunächst die Menschen in der Krajina aufeinandergehetzt, im kroatischen Grenzgebiet um die Stadt Knin, für Glenny das "Herzstück des Konflikts". Der Kampf zwischen Zagreb und Knin sei der "Ausgangspunkt" des Krieges gewesen und der "wichtigste Antriebsfaktor für den Bruderzwist". Ohne die karge, aber strategisch wichtige Landschaft um Knin, schreibt Glenny, sei Kroatien "ein wirtschaftlicher Krüppel". Tudjman habe jedoch den Widerstandswillen der dort lebenden serbischen Bauern unterschätzt.

Glenny schildert seine Fahrten durch die Krajina, die staubigen Straßen, die unzähligen Kontrollen, die Söldner mit Stirnbändern und Tätowierungen, die Flüchtlinge. Er analysiert an einem erzählerischen Faden entlang, was die Lektüre erleichtert, das Verstehen aber mitunter erschwert. Der Leser reist, den schnellen Assoziationen des Autors folgend, kreuz und quer durch das ehemalige Jugoslawien. Dabei wiederholt sich manches. Die schlampige Übersetzung führt zudem zu Mißverständnissen: Da wurden Namen falsch abgeschrieben, da wird Milošević mit dem serbischen Oppositionspolitiker Mićunović vertauscht, die bosnisch-serbische Politikerin Plavšić gar als Mann vorgestellt. Zum Glück hat das Buch ein Register, das manche Verwirrung wettmacht.

Darin kann der Leser zum Beispiel unter dem Stichwort "Genscher" nachschlagen und einen der wichtigsten Abschnitte des Buches lesen. Der deutsche Außenminister drückte im Dezember 1991 die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens seitens der EG-Staaten durch – für Glenny der schwerwiegendste westliche Eingriff in den Konflikt. Seine schlimmsten Folgen mußte das benachbarte Bosnien-Herzegowina tragen. Denn mit der Anerkennung der beiden nördlichsten Teilstaaten Jugoslawiens verlor der Staat der Moslems, Serben und Kroaten seinen "konstitutionellen Schutz", weil Zagreb und Belgrad nun auch völkerrechtlich nicht mehr einem Staat angehörten. Mit dem Unabhängigkeitsreferendum am 1. März 1992 war der bosnische Frieden zerbrochen. Glenny fragt, ob sich Genscher dieser Verantwortung voll bewußt war.

Doch nicht nur mit den Deutschen geht er ins Gericht. Präsident Clintons Politik des Zauderns und Säbelrasselns habe den bosnischen Krieg angeheizt, die "Washingtoner Deklaration" der Amerikaner, Briten, Russen, Franzosen und Spanier alle Bemühungen der Vermittler von Uno und EG um Frieden zunichte gemacht. Westliche Journalisten sind im Kriegsgebiet deshalb oft nicht wohlgelitten. Auf der Reise durch die serbischen Gebiete, meint Glenny, habe ihm dennoch sein englischer Reisepaß geholfen: "Daß ich kein Deutscher war, hatte zur Folge, daß ich immer noch am Leben bin."