Wer liest heute Akteneditionen? Wer außer einer kleinen Schar Interessierter, einer Handvoll Diplomaten, Journalisten, Professoren, einigen mehr oder minder gequälten Geschichtsstudenten? Gewiß, Bundes- und Landesregierungen erwerben neben Bibliotheken größere Posten, manches Dienstzimmer wird mit Hilfe solch nobel aufgemachter, bald schon nach Metern zu zählender Bände geschmückt. Der Kreis der Leser und Benutzer wird dadurch jedoch schwerlich größer, obwohl man gerade im Falle zeitgeschichtlicher Dokumentationen unsere Politiker und Beamten bisweilen, all ihren Alltagsbürden zum Trotz, zu einer etwas intensiveren Lektüre ermutigen möchte. Dies gilt besonders für die neu begonnene Edition der Akten zur Außenpolitik der Bundesrepublik, die unmittelbar nach Ablauf der Sperrfrist mit dem Jahr 1963 einsetzt und, was Aufmachung und sorgfältige Bearbeitung durch eine junge Historikergruppe um Rainer Blasius anlangt, an die großen Editionen aus Kaiserzeit und Weimarer Republik anknüpft.

In den versammelten rund 500 Aktenstücken spiegelt sich die Welt der ausklingenden Ära Adenauer. Es ist eine Welt des Übergangs und raschen Wandels, eine Welt mit sich lockernden Blockstrukturen, unübersichtlicher, komplizierter als in den fünfziger Jahren, nicht zuletzt für die Deutschen. Deren Suche nach der eigenen Position, nach neuen Strategien im internationalen Kräftespiel wird hier vor allem dokumentiert. Eingerahmt von Botschafterberichten, von Vermerken und Erlassen aus der Leitungsebene des Auswärtigen Amtes, ragen vor allem heraus die teilweise aus dem Kanzleramt stammenden, oft bis zu zehn, zwölf Seiten umfassenden Aufzeichnungen und Dolmetscherprotokolle der Unterredungen auf höchster Ebene. Sie wirken atmosphärisch dicht, sind von hoher Aussagekraft, ein meist spannender Lesestoff. Besonders eindrucksvoll einmal mehr und immer wieder: Konrad Adenauer. Und daneben, oftmals gegen ihn: John F. Kennedy. Der eine stürzt, der andere stirbt 1963, die Texte der Edition werden blasser ohne sie, obwohl ein dritter bedeutender Akteur auf der internationalen Bühne uns weiterhin begegnen wird: Charles de Gaulle.

Gerade er hatte dafür gesorgt, daß das Jahr mit einem doppelten diplomatischen Paukenschlag begann. Er ließ den geplanten britischen EWGBeitritt platzen, schloß parallel dazu den deutschfranzösischen Freundschafts- und Kooperationsvertrag, machte intern immer ungenierter gegen eine Übertragung nationaler Kompetenzen auf europäische Institutionen und ein anglo amerikanisch dominiertes Nato Bündnis Front. Und Adenauer war es recht; er distanzierte sich nicht öffentlich, widersprach kaum je beim trauten Tete ä tete (wie sich jetzt zeigt).

Irritiert darüber sind nicht allein seine engsten Vertrauten und der anglophile Außenminister Schröder in Bonn, sondern auch der Präsident in Washington, der noch nicht ahnen kann, daß der Bundestag bald den deutsch französischen Vertrag durch eine amerika- und Nato freundliche Präambel entscheidend abschwächen wird. Botschafter Knappstem und der eilends ins Weiße Haus entsandte Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (und spätere Bundespräsident) Karl Carstens berichten von dramatischen Szenen, heftigen Vorwürfen. De Gaulle und Adenauer, so fährt sie Kennedy an, böten der Welt "das Schauspiel eines Auseinandertreibens des westlichen Bündnisses", das sei "Wahnsinn" ("insane" heißt es wörtlich in der deutschen Aufzeichnung). Und dann, mit drohendem Unterton, undenkbar noch wenige Jahre zuvor, nun aber bezeichnend für das bilaterale Klima: Bitte, wenn Europa glaube, sich selbst verteidigen zu können. Außenminister Rusk sekundiert: "Wir müssen endlich wissen, wo die Deutschen stehen "

Gretchenfrage und Leitmotiv deutscher Außenpolitik: Wie hält sie es mit ihren Optionen? Wie darauf antworten, wie überhaupt auf die immer offensichtlicheren Risse im westlichen Bündnis, die schwere Krise der europäischen Einigungsbewegung reagieren? Darüber war ein heftiger Richtungsstreit entbrannt in Bonn.

Während Außenminister Schröder, der präsumtive Kanzlernachfolger Erhard und weite Teile von CDU, FDP und SPD weiterhin stärker auf die USA, auf die atlantische Karte unter Einschluß Großbritanniens zu setzen bereit sind, favorisiert der Kanzler, unterstützt von Franz Josef Strauß und der CSU (hier mögen Hoffnungen auf Zugang zum französischen Nuklearpotential mitgespielt haben, den zu eröffnen de Gaulle niemals bereit war), mehr und mehr ein Zusammengehen mit Frankreich. Adenauer hält Amerikaner und Briten spätestens seit ihrem Lavieren nach Chruschtschows Berlin Ultimatum für reichlich unzuverlässig, Kennedys Mischung aus Härte und Entspannungssignalen gegenüber Moskau für falsch.

Zum offenen Bruch allerdings will und darf er es nicht kommen lassen. Daher wiegelt er im Frühjahr 1963 ab.