Von Klaus-Peter Schmid

Athen

Theodoras Pangalos ist zu südländischen Zornesausbrüchen fähig. Das wäre im Land der Griechen nicht weiter tragisch, amtierte der große, stämmige Mann nicht als Athens Europaminister. Deutschland, so wetterte er vergangene Woche, sei seit der Wiedervereinigung ein "Riese mit der Kraft eines Monstrums und dem Verstand eines Kindes", dem "pangermanische Träume" entsprängen.

Der Anlaß für die Beschimpfung: Außenminister Klaus Kinkel drängt auf die volle Anerkennung Mazedoniens durch die Europäische Union. Bisher sperren sich die Griechen vehement dagegen, solange die ehemalige jugoslawische Teilrepublik nicht ihren Namen ändert. Athener Politiker aller Parteien lesen aus der Namensgleichheit nämlich Gebietsansprüche auf die griechische Nordprovinz Mazedonien heraus. Daß der deutsche Außenminister die Sache bis Jahresende vom Tisch haben möchte, ist für die Griechen ein gezielter Affront. Denn am 1. Januar übernehmen sie turnusmäßig die EU-Präsidentschaft.

Theodoras Pangalos wollte nun demonstrieren, daß mit ihm in den nächsten sechs Monaten zu rechnen ist. Einmal von Amts wegen. Denn Ministerpräsident Andreas Papandreou hat seinem Europaminister die Aufgabe zugedacht, ein halbes Jahr lang die Schaltstelle für die gemeinsame Politik der Zwölf zu sein und den monatlichen Rat der Außenminister zu leiten. Zum andern gilt der 57jährige Pangalos in Athen als einer der besten Köpfe der seit ein paar Wochen amtierenden linken Regierung. Ein prominenter Oppositionspolitiker nennt ihn gar den "einzigen intelligenten Minister". Pangalos ist durchaus imstande, ebenso Einsichtiges wie Moderates von sich zu geben – in vorzüglichem Französisch und mit hemdsärmeligem Charme.

Allerdings ist der promovierte Ökonom, der die Jahre der Obristen-Diktatur in Frankreich verbrachte und Anfang der siebziger Jahre an der Pariser Sorbonne lehrte, immer auch für eine verbale Entgleisung gut. Pangalos qualifiziert die türkischen Nachbarn als Räuber und Gangster und hält ihnen vor, sie schlichen "mit ihren blutbeschmierten Stiefeln über die Teppiche Europas". Ein sozialistischer Parteifreund bezeichnet ihn lachend als einen "Verrückten" – und verzeiht ihm seine Exzesse.

Die europäischen Partner werden weniger nachsichtig sein. Sie hören es nicht so gern, wenn man ihnen vorwirft, sie ließen die Europäische Union zu einer "Höhle von Verschwörern" verkommen. Immerhin erhält Griechenland den größten Brocken aus den Brüsseler Töpfen. Von dem "verwöhnten Kind Europas" (so L’Express), wird um so mehr Zurückhaltung erwartet, als sein ökonomischer Rückstand auf die Partner wächst. Für Pangalos ist das kein Grund, sich zu verstecken: "Richtig, wir sind die Ärmsten der Gemeinschaft. Aber das ist keine Schande, sondern ein Problem." Die Brüsseler Milliarden flössen ohnehin weitgehend in die Geberländer zurück. Gegen letzte Zweifel hat er noch ein Universalargument parat: "Europa basiert auf vielen griechischen Ideen."