Von Willi Winkler

Schon seit etlichen Jahren suchte er keine Ärzte mehr auf, sondern saß bei "Thanatologen" im Wartezimmer herum, wollte bestätigt haben, was er selber viel besser wußte (weil er besser hörte als jedes Stethoskop), daß es nämlich zu Ende ging, daß ein Lungenkarzinom sich vernehmen ließ, "als würde sich unter Wasser ein Orchester einstimmen".

Beim zerstreuten Herumblättern in den ausliegenden alten Zeitschriften erfuhr er beiläufig, daß ihm der feministische Verlag Virago Press den Ehrentitel "Chauvi-Schwein" verliehen hatte, was endlich auch das halbgegessene rosafarbne Marzipanschwein erklärte, das er im Zimmer seines Sohnes entdeckt hatte. Die Frauen! So leicht aufzubringen! Und freute sich, wie nur ein Todgeweihter sich freuen kann, reinen Herzens, schadenfroh also, weil die unbedingt "Virago" heißen mußten, Zankteufel! und Virago geht nun einmal auf die lateinische Wortwurzel vir für "Mann" zurück.

Echt sexistisch, der Kerl, und so, so ... besserwisserisch.

Zu Ende ging es mit Anthony Burgess, geb. 1917 als John Anthony Burgess Wilson, beinah seit seiner Geburt im neblig-proletarischen Manchester.

Kaum zwei Jahre war er alt, als ihn der heimkehrende Vater schreiend zwischen den Leichen von Gattin und Tochter fand, beide hingerafft von der Spanischen Grippe, die in Europa gründlicher abräumte als der ganze Weltkrieg. Wer da noch nicht katholisch war, wurde rasch bekehrt: "An der Existenz Gottes gab es keinen Zweifel: Nur ein allerhöchstes Wesen konnte sich ein derart brillantes Nachwort zu vier Jahren mit nie dagewesenen Leiden und Zerstörungen ausdenken."

Aber vor den Tod hatte die Una Sancta das irdische Leben gesetzt, das Leben in Manchesters Moss Side, wo die Luft nur so flirrte von den Stimmen der Einwanderer aus Irland, aus Mittel- und Osteuropa. Polyglott war die Stadt und arm: "Ich lebte in einer häßlichen Welt baufälliger Häuser und stinkender Gassen, nirgends ein Baum oder eine Blume." Das gab’s halt nicht, damals, keine Mittel vorgesehen im Haushaltsplan.