Über einer Art Trafik, die der Vater ziemlich erfolglos betrieb, hauste die bald um Stiefgeschwister und ebensolche -mutter erweiterte Familie. Keineswegs zum Vergnügen, aber zum Broterwerb spielte der Vater Klavier, begleitete im Zappelkino die Stummfilme und, einmal ein König! auch zwei Komiker, die es später in Amerika zu einigem Ruhm brachten, Charles Chaplin und Stanley Jefferson, besser bekannt als Stan Laurel.

Music Hall und Vaudeville, viel Lärm und Alkohol, dazu die katholische Kinderlehre, die einem vielleicht die Welt und das Leben danach erklärte, aber sonst sozialer Makel war. Katholiken, das hieß Unterklasse, geschworene Feinde Ihrer Majestät drunten in London (Bloody Mary Queen of Scots!).

Das Kind Jack Wilson bleibt sich selber überlassen, bastelt sich zur Unterhaltung ein Radio, lernt Noten lesen und Bücher, die seine Eltern nicht mal richtig herum hätten halten können. Muß natürlich bei soviel Verständnis früh arbeiten gehen, um überhaupt die Schule besuchen zu können, wo er die Lehrer mit seinem kunterbunten Wissen zu beeindrucken weiß und die Mitschüler bloß ärgert. In der Autobiographie renommiert der literarische Aufsteiger immer noch mit seinen Fleißarbeiten: "An einem Sonntag vertonte ich, wenn ich nicht grade in der deutschen Übersetzung von Hemingways ‚Fiesta‘ las, ein Lied von Lorca."

Ja, Komponist wollte er eigentlich werden, das britische Königreich an Schönberg und Mahler heranführen (bis er Cole Porter und Gershwin verfiel), aber niemand wollte seine Einsendungen. Notenpapier war teuer, unliniertes billiger, so schrieb er denn Geschichten, Essays, zeichnete Cartoons, aber mit ebensowenig Erfolg.

Die Sprachen, die Stimmen Manchesters verfolgten ihn, als er schon zur Armee eingezogen war: Griechisch hatte er sich selber beigebracht, Französisch beiläufig aufgeschnappt, jetzt kamen Deutsch und Russisch dazu, und Spanisch mußte sowieso sein, wenn man in Gibraltar stationiert war.

Der Krieg nahm auch nach der Kapitulation kein Ende, England blieb arm, hatte keine Zukunft, dafür viel Vergangenheit. Jack Wilson unterrichtete weiter Sprachen, ließ sich hierhin und dorthin schicken, sandte seinerseits ein Manuskript nach dem andern an Verlage, Kompositionen an die BBC, aber es wurde nichts. Bis er sich in einer betrunkenen Nacht 1954 nach Südostasien bewarb, in die Glorie der Kolonialwelt. Das Empire zerfiel, Indien, Kiplings Dschungel-Indien, war schon frei vom britischen Joch, die burmesischen Tage Orwells Geschichte, nur Somerset Maughams Malaysia gab es noch, die "Betten im Osten, so weich".

Wieder saugte Jack Wilson Sprachen ein, Malaiisch, Chinesisch, was man halt so braucht, und schrieb nebenher, drei Romane über die nachlassende Bürde des weißen Mannes (die Trilogie "The Long Day Wanes"; nicht übersetzt). Mit der fernsten Ferne, den vertrauten Kolonien, wurde er Autor, wurde aus Jack Wilson Anthony Burgess.