Auch die letzten Kolonien kamen frei. Ein Hirntumor soll es gewesen sein, vielleicht auch nur der Überdruß, der ihn 1959 zurück nach England brachte, in die ungeliebte Heimat, schon wieder zu spät. In England waren die angry young men aufgestanden, durften mit großem Erfolg im Zorn zurückschauen. Schon kamen die nächsten, mit den Beatles brach die Jugendkultur aus. Provinzler, diesmal aus Liverpool, hatten sich tatsächlich mit Musik durchgeschlagen. Für den arbeitslosen und auf todkrank diagnostizierten Anthony Burgess aus Manchester blieb wieder nichts.

Oder nur das Schreiben. Die Geschichte ist bekannt: Fünf Romane hat er in dem Jahr geschrieben, das er nach Meinung der Thanatologen nicht überleben sollte. Er überlebte und schrieb fleißig weiter, auch wenn niemand auf ihn gewartet hatte. Literat wollte er nun werden, es allen zeigen als hack. Für George Gissing, den Schutzheiligen aller hacks, war das Geld, das sich mit der Literatur verdienen ließ, der größte anzunehmende Unglücksfall für die Kunst; dabei notwendig. (Es gibt kein deprimierenderes und also aufrichtigeres Buch über unser zweifelhaftes Gewerbe als Gissings "Zeilengeld" von 1891. Deutsch von Adele Berger in der Anderen Bibliothek, Eichborn-Verlag; 584 Seiten, 44,– DM. Auch im Ramsch für zeilengeldsparende 16,80 DM. Ende der notwendigen Abschweifung.)

Der Literaturbetrieb, der ihm die Anerkennung versagte, der den Quereinsteiger nicht bejubelte, mußte ihm zur Strafe den Lebensunterhalt sichern: mit Fernseh- und Buchkritiken, Gutachten, dem Verkauf von Rezensionsexemplaren und, auch das, dem Abfasssen von Firmenchroniken.

O ja, meine Brüder, eifrig war er, wie immer vorneweg: Als ihm die Yorkshire Post ein Buch des unbekannten Autors Joseph Kell schickte, erfüllte er seine Rezensenten-Pflicht, verlor ein paar schmälende Worte über den Roman "Ein-Hand-Klatschen" und flog raus: weil er eins seiner eigenen Bücher besprochen hatte, bei dem er, vom Verleger bedrängt, wegen Überproduktion das weitere Pseudonym Joseph Kell gewählt hatte.

Aber er mußte ja auch die Romane subventionieren, die, selbst wenn er zwei oder drei oder vier pro Jahr heraushaute, kaum je den mageren Vorschuß einbrachten: die Enderby-Bücher (1963ff.), den strukturalistischen Ödipus-Roman "MF" (1971) oder die poetologische Doppelbiographie "Abba Abba" (1977).

Wie es ihn wurmte, daß sie ihn alle nur als "Clockwork Orange" (1962) kannten! Natürlich, er selber war der göttliche Uhrmacher, der seinen Helden Alex leiden und die andern quälen ließ, weil er mit ihm vorführen wollte, was man ihn in der eigenen katholischen Kindheit gelehrt hatte, daß der katholische Gott "alles Menschenmögliche dreinsetzte, um einem wehzutun". Die Kunst erhält den brutalen Alex, und die Kunst, ausgerechnet die Musik soll Alex genommen werden, o meine Freunde und Brüder! Gewalttätig war der Roman, unerbittlich in seiner den mittelalterlichen Kirchenlehrern abgeschauten Didaktik. Aber wie war das mit der Freude, eh, ganz vergessen, der Freude am reinen Wortspiel, an der rasch erfundenen, russisch inspirierten Jugendsprache nadsat? Die Sprache zählte, nichts sonst.

Schließlich kam Burgess noch aus den heroischen Zeiten, als man den "Ulysses" nur unterm Mantel versteckt ins fromme Königreich einschmuggeln konnte, als wär’s schäbige Pornographie. Aus eigener Kraft hatte er sich selber von der Sprache des Blumenmädchens Eliza zum Prof. Henry Higgins fortgebildet – das sollten sie ihm büßen! Oder statt des Sci-fi-Slangs ein alter: Zum Ärger der BBC-Hörer trug Burgess im Jahr 1964 für den 400. Geburtstag Shakespeares den Barden in mittelenglischer Modulation vor, ließ ihn barbarisch provinziell klingen und gar nicht so bühnenfein wie Messrs. Olivier und Gielgud.