England mochte ihn nicht, dann wollte er auch keine Steuern zahlen. 1968, nach dem Tod seiner ersten Frau, zog er fort. Nach Malta erst, später nach Rom, war eine Zeitlang Professor in New York, schließlich ließ er sich in Monaco nieder, eine italienische Gattin an der Seite, ein Internationalist.

Wer den Dollar nicht ehrt, ist den Nobelpreis nicht wert. Immer schneller drehte er sich, der weltläufige Anthony Burgess. War er doch schon 42 Jahre alt, als er sich zum Berufsschriftsteller entschloß. Die New York Times hat angerufen? Schrieb er eben ein Gedicht zur Mondlandung. Die neue Oper an der Bastille wollte was Würdiges? Schreiben wir ein Musical zur Revolutionsfeier. Eine Freud-Oper für Peter Weck in Wien? Sofort. Die Bibel noch mal verfilmen? Burgess ist dabei, arbeitet dem Schmalzbruder Zeffirelli zu, schreibt von Moses bis zur Apostelgeschichte Drehbuch um Drehbuch. (Schade, daß er kein Exposé von der Offenbarung des Johannes hinterläßt.)

Immer rasender drehte er sich, verwandelte die Moses-Geschichte in ein unlesbares Versepos, schrieb Takt für Takt an der Eroica Beethovens entlang einen Napoleonroman, damit Stanley Kubrick nach "Clockwork Orange" was Würdiges zu verfilmen hätte.

So hatte er sich schließlich im vollen Bewußtsein seiner Zurücksetzung in eine Schreib-Maschine verwandelt, die auf Befehl über die Vorzüge des Knoblauchgenusses ebenso fluent schwadronierte wie über die Verdienste der neuen, tausendseitigen Dickens-Biographie von Peter Ackroyd. Zu guter Letzt kam er noch seinen bereits lauernden Biographen zuvor, schrieb zwei Bände "Confessions" (1987 und 1990 erschienen; natürlich nicht übersetzt), was die Rezensenten blasphemisch an Augustinus und Rousseau erinnerte, weil sie nicht merkten, daß hier ein gewesener Katholik, großspurig und kleinmütig zugleich, zur Beichte schlich.

Wer hätte ihm da seinen Stolz verdenken können, wenn er mit Grace Kelly, die selber im Umweg über Hollywood von der Maurermeisterstochter zur Fürstin von Monte Carlo aufgestiegen war, vierhändig Klavier spielen durfte; oder daß er mit einer echten italienischen contessa verheiratet war? Man sollte ihn nicht nach einzelnen Büchern beurteilen, schrieb Burgess in seiner Biographie über D. H. Lawrence, sondern "seinen gesamten Ausstoß als riesenhafte literarische Äußerung entweder akzeptieren oder ablehnen". Die Wahl über Wohl und Wehe gibt der Katholik jedem frei.

Aber wieviel entginge euch, o meine Brüder, auch euch, meine Schwestern, wenn ihr weiter nichts davon wüßtet, wie sich Edwin Spindrift in "Der Doktor ist defekt" kopfüber in die Nacht stürzt oder dem minderen Poeten F. X. Enderby das namenlose Unglück widerfährt, seiner Muse im wirklichen Leben zu begegnen, oder wie der wieder leider nur mittelmäßige Großschriftsteller Kenneth M. Toomey im "Fürst der Phantome" durchs ganze gewalttätige 20. Jahrhundert perambuliert –

Burgess ist der Grobzeichner in der englischen Literatur geworden, der Meister der grellen Effekte, der aber nie drauf verzichten mochte, seine Leser mit Bildung, mit polyglotten Sprachspielereien, mit Nonsens in der Manier seines großen Vorbilds James Joyce einzuschüchtern. Was kümmerte ihn, wenn keiner das Akrostichon bemerkte, versteckt in einem Sonett, das er dem jungen Shakespeare andichtete? Oder die Satanologie in dem "eschatologischen" Spionage-Thriller "Tremor"? Levi-Strauss’ Anthropologie in "MF"? Hauptsache, er hatte seinen Spaß dabei.