RTLplus, Donnerstag, 25. November: "Alarm auf Station Zwei"

In den fünfziger Jahren boten die Zeitungen sogenannte "Photo-Romane" an. Nach Art der Comic strips wurden Photos auf die Reihe und die dargestellten Personen mittels Blasen zum Sprechen gebracht. Auf diese Weise entstanden visualisierte Novellen, die – anders als Cartoons – die Echtheitsaura des Films reklamierten und – ganz wie der Film – eine Vorliebe fürs Melodram hatten. Üblicherweise rangen zu Unrecht verdächtigte Ehrenmänner um ihren Ruf und zu Unrecht übersehene herzige Mädchen um den Mann ihres Lebens. Nach einem quälenden Parcours über Intrigen und Mißverständnisse hinweg durften Held und Heldin zueinanderkommen.

Diese Photo-Romane waren von einer rührenden Plattheit und Unbeholfenheit. Wahrscheinlich wird man sie irgendwann wiederentdecken und in Ausstellungen feiern, das heißt die Anziehungskraft, die sie trotz oder wegen ihrer tief-trivialen Einfachheit besaßen, zu Tode interpretieren.

Als das Fernsehen aufkam und überallhin vordrang, gab es für die Photo-Romane kein Existenzrecht mehr. Niemand trauerte ihnen nach; man hatte ja jetzt die Glotze, ein Medium, das trivialen Stoffen und platten Melodramen keineswegs abgeneigt war. Und doch blieb ein Verlust. Die wunderliche Hüpf-Dramaturgie der Photo-Romane, die Zwischenschritte und Übergänge weglassen mußten und sich wie ein zu schnell abgespulter Film vorwärtsbewegten – die konnte das sehr viel geschmeidigere TV-Medium nicht wiederholen. Es schien, als sei mit dem Photo-Roman ein mediales Unikat ausgestorben.

Bis jetzt bei RTL jemand auf die Idee gekommen ist, alles, was vor vierzig und mehr Jahren die (damals noch existierenden) Küchenmädchen und Strickstrumpfjungfern erfreut hatte, Wiederaufleben zu lassen und dem TV-Zeitalter anzuverwandeln. "Alarm auf Station Zwei" brachte alle Stoff-Elemente des Photo-Romans auf die Scheibe: Zu Unrecht der Pfuscherei bezichtigter Chirurg kämpft um seinen Ruf, schlichtes, gutes Mädchen kämpft gegen herzlose Schönheit um den Mann, und das Landleben setzt sich gegen die verderblichen Einflüsse des Asphalts als Existenzform besserer Menschen durch. Ja, das war der ehrgeizige Versuch, die Photo-Roman-Bilder das Laufen zu lehren. Und sie liefen, was das Zeug hielt, stolperten über ihre eigenen Füße und fielen schließlich voll auf die Fresse.

Hatte einst der Photo-Roman durch seine Unschuld einen gewissen Charme abgestrahlt, so versackte sein TV-Replikat in einem Sumpf von Peinlichkeit. Es war nicht recht zu glauben, daß heute, im Zeitalter der allseits hechelnden Bilder, jemand Photos vorführte, die ihre ersten Schritte taten. Daß heute, in der Zeit der Sprechblasen, jemand glaubte, die Stummeldialoge von Werbung und TV an Schlichtheit unterbieten zu können. Von "Ich möchte dich um Verzeihung bitten" bis "Wer soll dir denn sonst helfen, wenn nicht deine Frau" ist das alles schon mal noch blöder dagewesen, und es hat sein Publikum, die Küchenmädchen und Strickstrumpfjungfern, mit in den Orkus hinabgezogen. Die Neuauflage des Photo-Romans brachte statt der Auferstehung eine Leichenschändung. Wie sagte doch Vera (typischer Photo-Roman-Name): "Gott, ist das alles furchtbar."

Barbara Sichtermann