Stühle auf den Tisch

Was bringt erwachsene Leute dazu, sich Stühle auf den Tisch zu stellen? Da es sich um Miniaturen weltberühmter Exemplare der Stuhlbaukunst unseres Jahrhunderts handelt, kennt die Antwort selbstverständlich nur seriöse Gründe. Der eine ist, es diene der anschaulichen ästhetischen Erziehung von Schülern und Designern; denn die kleinen Dinger im Maßstab eins zu fünf oder sechs sind schraubengenau und so gut wie echt. Der andere lautet, es mache doch Spaß, einfach Spaß, die Welt in die Hände zu nehmen; spielen die einen nicht mit Mini-Autos, die anderen mit der elektrischen Eisenbahn, warum also nicht die gulliversche Lust genießen und sich Stühle dafür anschaffen? Sehn sie nicht putzig aus und so unheimlich präzis? Das eine wie das andere jedenfalls hat dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein (man erinnert sich: die bizarre, weiße Bauskulptur von Frank Gehry) diesen Überraschungserfolg zur Verbesserung seines Etats eingebracht. Die kleinen Stühle gehen weg wie die warmen Semmeln. So machte sich Direktor von Vegesack in Polen auf die Suche nach Handwerkern, fand einen Uhrmacher und einen Tischler. Sie beschäftigen in ihrer Miniatur-Manufaktur unterdessen über hundert Menschen mit dem Bau der vierzehn Stühle, die bisher im Programm sind, Stühle von Mackintosh, Breuer, Mies und Rietveldt, von Eames, Panton, De Lucchi. Die Fortsetzung der Ideen, den Museums- und Ausstellungsetat zu verbessern, werden 25 Miniaturen der Weltarchitektur sein, schreibtischgroß, zum Auseinandernehmen, also: zum Studieren. Die Frage, welchen Motiven hier die Besitzlust gehorchen werde, erübrigt sich schon durch den Preis von 10 000 bis 15 000 Mark pro Exemplar: Es sind pädagogische. Architekturhochschulen werden die Kunden sein. Aber wer weiß das schon so genau. Bei Häusern, die groß wie Puppenstuben sind.

Pfaus Lieder

Meyerbeer und Marschner haben seine Gedichte vertont, Hugo Wolf, Schönberg und viele andere. Wehmütige, todesromantische Lieder... "Es steht eine Lind im tiefen Tal", "Im stillen Friedhof", "Heimweh". Dabei ist sein Name heute fast ganz vergessen und allenfalls noch in Anthologien mit politischer Lyrik zu finden. Denn Ludwig Pfau, geboren 1821 in Heilbronn, gestorben 1894 in Stuttgart, gehörte zu den Barden der 48er-Revolution, mußte fliehen und kehrte spät erst aus dem Exil nach Deutschland zurück (siehe "Taschenbuch des Monats", ZEIT Nr. 43/93). Und wie so mancher deutsche Republikaner des 19. Jahrhunderts, der sich von Bismarcks Neuem Reich nicht blenden ließ und sich weiter gegen die fatale Verpreußung Deutschlands stemmte, wurde sein Name im Wilhelm II.-&-Nazi-Staat verdrängt und vergessen gemacht; nur einige seiner romantischen Verse überlebten – im Lied. Jetzt, zum hundertsten Todestag Ludwig Pfaus am 12. April kommenden Jahres, will die Stadt Heilbronn den ganzen Mann ehren – den Revolutionär und den Romantiker, den Republikaner und den Kunstkenner. Und den Liederdichter. Deshalb soll es nicht nur eine Ausstellung geben, sondern auch eine Bibliographie sämtlicher Pfau-Vertonungen erscheinen. Zudem hofft man noch auf Musikfreunde, die sich auch für Aufführungen und eine Schallplatten-Einspielung dieser Werke begeistern. Wer hier mittun oder helfen möchte, der wende sich an: Günther Emig, Stadtbücherei Heilbronn, Kirchbrunnenstraße 12, 74072 Heilbronn, Telephon: 07131/56 26 63.

Ein Telegramm aus Wien

Mit Hans Haider, dem Feuilletonchef der Wiener Presse, beschäftigte sich eine Glosse Helmut Schödels in der ZEIT vom 19. November 1993. "Früher", so Schödel, "war Haider ein schräger Konservativer, ein großer Förderer der österreichischen Literatur. Heute ist er der Blockwart des Wiener Theaterlebens." Haider wollte unseren Beitrag nicht unwidersprochen lassen und schickte aus Wien ein Telegramm nachstehenden Wortlauts:

"Sehr geehrter Herr Chefredakteur,

der Beitrag Helmut Schödels, .Skandal in Wien’ vom 19. November zwingt mich, fristgerecht die Veröffentlichung folgender Erwiderung (Entgegnung) zu begehren – zu Ihnen gesagt, weil ein Vorhalt ruf- und existenzschädigend in unserem Gewerbe ist und ich darin mein Brot verdienen muß. Der Satz ‚Dabei hat Hans Haider in seinem heiligen Zorn auch noch schlecht recherchiert: Seit vielen Monaten schon hat Turrini besagte Liegenschaft bosnischen Flüchtlingen überlassen’ ist unwahr und geeignet, die berufliche Qualifikation und den Ruf von Dr. Hans Haider zu schädigen. Laut neuestem Grundbuchauszug ist kein bosnischer Flüchtling Miteigentümer besagter feudaler Liegenschaft. Eine zeitweise praedicarielle Nutzung eines kleinen Teils der Liegenschaft durch bosnische Flüchtlinge ist in Wien medienbekannt, wurde aber schon vor Niederschrift des von Helmut Schödel bekämpften Presse-Artikels beendet. Ich ersuche Sie, mir die Kosten dieser Intervention zu ersetzen. Ich werde Rechnung legen, sobald mir der Betrag durch die Post bekannt gemacht wird."