Von Bartholomäus Grill

Phiekeleli Mthethwa nestelt an seinem zerbeulten, speckigen Hut. Er lacht und zieht im nächsten Moment eine Miene, als wollte er gleich losweinen. Der alte Mann kann noch immer nicht so recht glauben, was er da hört. Solche Geschichten passierten doch nur in der Bibel: Moses, führt sein Volk aus Ägypten heim nach Israel. Und doch ist es wahr, was der Pfarrer da predigt. Nur, Ägypten heißt jetzt Osizweni, eine schwarze Township, die auf den Landkarten der Weißen nicht einmal eingezeichnet ist. Israel, das Gelobte Land, ist ein kahles Feld gleich neben dem Städtchen Charlestown. Die beiden Orte liegen vierzig Kilometer voneinander entfernt. Vierzig Kilometer oder fünfzehn Jahre.

Heute kann Mthethwa zum ersten Mal ohne Gram und Zorn erzählen, was damals, im unseligen Jahr 1978, geschah. Denn heute ist er zurückgekehrt auf das Land seiner Vorväter, von dem ihn die Weißen vertrieben hatten. "Es war ein heller Wintertag, als die Soldaten kamen. Sie sagten: ‚Wir erschießen euch, wenn ihr nicht verschwindet.‘ Sie gaben uns eine halbe Stunde zum Packen. Sie gingen in die Hütten und warfen unsere Sachen hinaus." Mthethwa und seine Familie konnten nur das Allernotwendigste mitnehmen. Die Kuh, das Pferd, die fünfzehn Ziegen, alles Mobiliar und Werkzeug mußten sie zurücklassen. Sie wurden auf einen Militärlaster getrieben und wie Schlachtvieh abtransportiert.

Als der Lkw den Berg hinunterrollte, drehte sich Mthethwa noch einmal um. Gelbe Schubraupen krochen auf die Blechhütten zu. Flammen schlugen aus den Strohdächern. Die Wände der Schule krachten zusammen. Er sah, wie sein Dorf in Schutt und Asche versank.

Eine Stunde später hielt der Laster in Osizweni. "Absteigen! Ihr wohnt ab jetzt hier!" brüllte ein Offizier und öffnete die Ladeklappe. Den Familien wurden Blechverschläge zugewiesen, komfortabel wie Sardinenbüchsen. Rundherum lag steiniges Feld. Das war also nun ihr "Homeland", ihr neues, apartes Heimatland. So nannten jedenfalls die Architekten der Apartheid jene Wüsteneien, in die sie Millionen von Schwarzen zwangsumsiedelten, im Regelfall ohne einen Cent Entschädigung. Auf diese Weise konnten kommerzielle Farmer unliebsame Pächter und überschüssige Landarbeiter loswerden und ihre Produktionsflächen ausweiten. Black spots, schwarze Kleinsiedlungen auf dem Territorium der blanken, verschwanden. Oder Schwarze, Farbige und Inder wurden verjagt, weil sie infrastrukturellen, militärischen und sonstweichen Maßnahmen im Wege standen: hier ein prächtiger Truppenübungsplatz, dort ein Staudamm, ein Bergwerk oder eine Zuckerrohrplantage. Auch Wildreservate wie der weltberühmte Krüger-Nationalpark wurden "bereinigt", auf daß dem Safarigast aus Übersee beim Beobachten des Flußpferds kein Eingeborener den Blick verstelle.

In Charlestown gab es keine Löwen und Kudus, dafür aber jede Menge Rinder auf den Koppeln der Weißen. Da blieb kein Platz mehr für Schwarze wie Phiekeleli Mthethwa. Er wurde ins "Homeland" KwaZulu verschleppt. Dort fand er zwar einen Job als Taxifahrer und konnte sich und seine Familie durchbringen. "Aber glücklich", sagt er, "glücklich waren wir nie." Wie auch? Die Vertriebenen fanden schlechte Böden vor und schäbige Behausungen. Schulen, Krankenhäuser, Straßen, Brunnen, Arbeitsplätze – es mangelte an allem.

Der Kampf um knappe Mittel, oft angefacht durch ethnische Differenzen und politischen Zwist, verwandelte die "Heimatländer" in Brutstätten der Gewalt. In den Augen der Buren handelte es sich um Stammeskriege. "Sie hauen sich gegenseitig die Schädel ein. So sind die Kaffern halt", erklärt Dolf Botha, ein reicher Farmer aus Transvaal. Auf seinem Land herrscht Frieden – es hausen ja keine "Kaffern" mehr darauf.