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Von Bartholomäus Grill

Phiekeleli Mthethwa nestelt an seinem zerbeulten, speckigen Hut. Er lacht und zieht im nächsten Moment eine Miene, als wollte er gleich losweinen. Der alte Mann kann noch immer nicht so recht glauben, was er da hört. Solche Geschichten passierten doch nur in der Bibel: Moses, führt sein Volk aus Ägypten heim nach Israel. Und doch ist es wahr, was der Pfarrer da predigt. Nur, Ägypten heißt jetzt Osizweni, eine schwarze Township, die auf den Landkarten der Weißen nicht einmal eingezeichnet ist. Israel, das Gelobte Land, ist ein kahles Feld gleich neben dem Städtchen Charlestown. Die beiden Orte liegen vierzig Kilometer voneinander entfernt. Vierzig Kilometer oder fünfzehn Jahre.

Heute kann Mthethwa zum ersten Mal ohne Gram und Zorn erzählen, was damals, im unseligen Jahr 1978, geschah. Denn heute ist er zurückgekehrt auf das Land seiner Vorväter, von dem ihn die Weißen vertrieben hatten. "Es war ein heller Wintertag, als die Soldaten kamen. Sie sagten: ‚Wir erschießen euch, wenn ihr nicht verschwindet.‘ Sie gaben uns eine halbe Stunde zum Packen. Sie gingen in die Hütten und warfen unsere Sachen hinaus." Mthethwa und seine Familie konnten nur das Allernotwendigste mitnehmen. Die Kuh, das Pferd, die fünfzehn Ziegen, alles Mobiliar und Werkzeug mußten sie zurücklassen. Sie wurden auf einen Militärlaster getrieben und wie Schlachtvieh abtransportiert.

Als der Lkw den Berg hinunterrollte, drehte sich Mthethwa noch einmal um. Gelbe Schubraupen krochen auf die Blechhütten zu. Flammen schlugen aus den Strohdächern. Die Wände der Schule krachten zusammen. Er sah, wie sein Dorf in Schutt und Asche versank.

Eine Stunde später hielt der Laster in Osizweni. "Absteigen! Ihr wohnt ab jetzt hier!" brüllte ein Offizier und öffnete die Ladeklappe. Den Familien wurden Blechverschläge zugewiesen, komfortabel wie Sardinenbüchsen. Rundherum lag steiniges Feld. Das war also nun ihr "Homeland", ihr neues, apartes Heimatland. So nannten jedenfalls die Architekten der Apartheid jene Wüsteneien, in die sie Millionen von Schwarzen zwangsumsiedelten, im Regelfall ohne einen Cent Entschädigung. Auf diese Weise konnten kommerzielle Farmer unliebsame Pächter und überschüssige Landarbeiter loswerden und ihre Produktionsflächen ausweiten. Black spots, schwarze Kleinsiedlungen auf dem Territorium der blanken, verschwanden. Oder Schwarze, Farbige und Inder wurden verjagt, weil sie infrastrukturellen, militärischen und sonstweichen Maßnahmen im Wege standen: hier ein prächtiger Truppenübungsplatz, dort ein Staudamm, ein Bergwerk oder eine Zuckerrohrplantage. Auch Wildreservate wie der weltberühmte Krüger-Nationalpark wurden "bereinigt", auf daß dem Safarigast aus Übersee beim Beobachten des Flußpferds kein Eingeborener den Blick verstelle.

In Charlestown gab es keine Löwen und Kudus, dafür aber jede Menge Rinder auf den Koppeln der Weißen. Da blieb kein Platz mehr für Schwarze wie Phiekeleli Mthethwa. Er wurde ins "Homeland" KwaZulu verschleppt. Dort fand er zwar einen Job als Taxifahrer und konnte sich und seine Familie durchbringen. "Aber glücklich", sagt er, "glücklich waren wir nie." Wie auch? Die Vertriebenen fanden schlechte Böden vor und schäbige Behausungen. Schulen, Krankenhäuser, Straßen, Brunnen, Arbeitsplätze – es mangelte an allem.

Der Kampf um knappe Mittel, oft angefacht durch ethnische Differenzen und politischen Zwist, verwandelte die "Heimatländer" in Brutstätten der Gewalt. In den Augen der Buren handelte es sich um Stammeskriege. "Sie hauen sich gegenseitig die Schädel ein. So sind die Kaffern halt", erklärt Dolf Botha, ein reicher Farmer aus Transvaal. Auf seinem Land herrscht Frieden – es hausen ja keine "Kaffern" mehr darauf.

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Diese Art Frieden begann anno 1913, nach einem 300jährigen Eroberungs- und Ausrottungskrieg, den die europäischen Siedler gegen die "Eingeborenen" siegreich geführt hatten. In diesem Jahr wurde das Unrecht Gesetz. Der Native Land Act untersagte Schwarzen, außerhalb festgelegter Territorien Land zu erwerben. Die weißen Herren brauchten ein Heer billiger Arbeitskräfte zur Ausbeutung in ihren Bergwerken und auf ihren Feldern. Außerdem konnten sie auf "legale" Weise jene afrikanischen Bauern abschieben, die zu Konkurrenten der europäischen Farmer herangewachsen waren; ihr Erfolg schmälerte die industrielle und landwirtschaftliche Reservearmee. Infolge des Landgesetzes wurden eine Million Menschen entwurzelt. Der südafrikanische Historiker Allister Sparks spricht von der "umfassendsten Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften seit der Sklaverei".

Das letzte Kapitel der großen Rassen- und Flurbereinigung wurde ab 1948 geschrieben. Der "weiße Stamm" schenkte sich die Staatsdoktrin der Apartheid, derzufolge Menschen mit der falschen Hautfarbe in Südafrika kein Wohnrecht mehr hatten. Die Segregation fegte weit über drei Millionen Schwarze und Farbige von ihrem Grund und Boden. Am Ende waren 87 Prozent des Landes in weißer Hand. Ein paar Bauern erhielten lächerlich geringe Entschädigungen. "Mir gaben sie 2338 Rand für Haus und Hof und 15,4 Hektar", erzählt der 82jährige Andries Radebe aus Cremin. "Dafür kann ich mir heute nicht mal eine Egge kaufen." Wer Besitzurkunden hatte, hielt nur noch wertlose Fetzen Papier in der Hand. Die Mehrheit hatte keine Papiere, denn Eigentum wird nach Gewohnheitsrecht vererbt. Die Jahre zogen ins Land, und auf den Weiden der Schwarzen wurde das Vieh der Weißen fett.

So blieb es bis zum Wendejahr 1990. Genau gesagt bis zur berühmten Rede von Präsident Frederik Willem de Klerk am 2. Februar 1990, in der er den Aufbruch ins neue Südafrika verkündete. Kaum waren die Worte des Staatschefs verhallt, erhoben die Vertriebenen ihre Stimme: "We want our land back – Wir wollen unser Land zurück." Mancher weiße Bauersmann begann, schwarze Pächter, die für einen Hungerlohn auf seiner Farm gearbeitet hatten, vorsorglich rauszuschmeißen. Man weiß ja nie, was Knechte gegen Herren aushecken, wenn sie plötzlich die Freiheit wittern ...

Die Landlords wissen indes sehr genau, was die Landlosen seit siebzig Jahren fordern: Mayibuye iAfrika – Komm zurück, Afrika! Der Beginn der planmäßigen Vertreibung war der Beginn des organisierten Widerstandes. Noch ehe der Native Land Act anno 1913 verabschiedet wurde, gründeten schwarze Führer in einer Halle bei Bloemfontein den Vorläufer des African National Congress (ANC). Wer unser Land raubt, proklamierten sie, raubt unsere Würde, unsere Tradition, unsere Lebensgrundlage. 1955 schrieb der ANC in seine Freiheitscharta: "Das Land soll unter denen geteilt werden, die es bearbeiten."

Aber die städtischen Intellektuellen des ANC, die jetzt mit den ehemaligen Unterdrückern am großen runden Tisch das neue Südafrika aushandelten, schienen diese Gebote vergessen zu haben. Im Kursbuch der Reformen stand die Landfrage ziemlich weit hinten – zu weit hinten. Das fanden jedenfalls die Leute von Goedgevonden und besetzten im April 1991 kurzerhand jenes Stückchen Erde, das ihnen 1978 gestohlen worden war. Derartige Selbsthilfeaktionen haben den Regierenden in Pretoria offenbar Beine gemacht. Sie schafften den Land Measures Act ab, ein Sondergesetz, das die Enteignungspolitik auf rassischer Basis absicherte. Außerdem riefen sie die Beratungskommission für Landverteilung (Acla) ins Leben.

Dem National Land Committee (NLC), der größten Interessenvertretung der Landlosen, wurde die Mitgliedschaft dort verwehrt. Acla sei "zahnlos, zu langsam, nicht repräsentativ", kritisiert NLC-Direktorin Joanne Yawitch. Bei bislang 58 Claims wurde erst in vier Fällen die Rückgabe des Landes empfohlen. Wen wundert es da, daß die Ungeduld der Menschen wächst, die seit Jahrzehnten auf Gerechtigkeit warten?

"Back to the Land": Die Vertriebenen, die unter diesem Namen eine Aktionsgemeinschaft gegründet hatten, wollten nicht mehr länger warten. Am 17. Juni dieses Jahres stiegen die Wortführer der Kampagne in den Bus nach Johannesburg und ließen sich vor dem World Trade Centre absetzen. Die hohen Tiere, die dort drinnen den Übergang vom Apartheidsregime zur Demokratie auspalavern, sollten an die ungelöste Landfrage erinnert werden. Der Zufall wollte es, daß just an diesem Tag schon andere Besucher beim Verhandlungsrat angeklopft hatten: Ein Mob von rechtsextremen Weißen. Die Reporter starrten in das riesige Loch in der Glasfassade des Gebäudes, durch das ein Panzerwagen der südafrikanischen Neonazis gerast war. Keiner nahm von den Bauern Notiz, die schüchtern ihre Spruchbänder schwenkten. Grölende Buren fuchtelten mit Gewehren und forderten, daß nun endlich der "Ausverkauf" ihres guten alten Apartheidstaates gestoppt werde. Freiwillig werden diese Leute keinen Quadratzentimeter "weißer Erde" zurückgeben. Zerknirscht fuhren die friedlichen Demonstranten zurück in die Heimatlosigkeit.

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Ein paar Bittsteller waren den langen Weg aus Roosboom gekommen, aus dem Dörfchen Rosenbaum also, bei Ladysmith. Diesen hübschen Namen haben sich die weißen Siedler ausgedacht. Die Hütten des Ortes sind recht idyllisch verstreut zwischen den grünen Hügeln von Natal. Durchs Tal mäandert der uGanda, ein Flüßchen, das selbst in Trockenzeiten nicht versiegt. Ringsum ziehen sich gute Weidegründe bis zu den Bergkuppen hinauf. Roosboom ist vor der Vertreibung eine blühende Gemeinde gewesen, erzählen die Alten – so blühend, daß sie bei den weißen Farmern Begehrlichkeit erweckte.

Knapp fünfhundert schwarze Bauern und ein paar tausend Kleinpächter lebten in Roosboom; die Landrechte der Einheimischen reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1976 waren die Talschaft buchstäblich ausradiert und ein perfides Zerstörungswerk abgeschlossen, das 1959 begonnen wurde. Ethel Hlatshwayo erinnert sich noch genau an die Ereignisse in diesem Jahr. Sie unterrichtete seinerzeit Hauswirtschaftslehre in St. Hilda’s College, einer Internatsschule, die wegen der guten Ausbildung von schwarzen Mädchen gerühmt wurde. Aber das paßte nicht zur neuen Philosophie der "Bantu-Erziehung", die Schwarze gezielt ausgliederte und benachteiligte.

Präsident Hendrik Frensch Verwoerd, der Gründervater der Apartheid, ließ es sich nicht nehmen, die Schließung von St. Hilda höchstselbst zu verkünden. "Mister Verwoerd sagte: ‚Wir werden ganz viele Fabriken bauen, in denen jeden Tag tausendmal so viele Kleider wie in Ihrem College genäht werden.‘ Es waren nur leere Versprechungen", erinnert sich Ethel Hlatshwayo, "in Wahrheit fing an diesem Tag unsere Vertreibung an." Die berühmte Schule wurde bis auf die Grundmauern geschliffen. Wenn Ethel durch die Ruinen geht, "bricht mir jedesmal das Herz". In der ehemaligen Kapelle wurde sogar das marmorne Taufbecken herausgerissen – alles im Geiste der christlich-nationalen Erziehung.

Die Streusiedlung ringsum blieb zunächst stehen. Ab 1960 waren alle baulichen Veränderungen meldepflichtig, ab 1965 erteilten die Behörden keine Genehmigungen mehr. Zehn Jahre später wurden die 7400 übriggebliebenen Einwohner zwangsumgesiedelt. Moses Masebuko war damals sechzehn Jahre alt. "Ich kam von der Schule nach Hause. Wo unsere Hütte gestanden hatte, war nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Die Eltern waren verschwunden. Ich war völlig verwirrt. Sie sind in eZakheni, hieß es." Masebuko lief die 45 Kilometer bis zu dieser Township bei Ladysmith zu Fuß. Er fand seine Familie in einem zugigen Blechverschlag. Der war in den nächsten achtzehn Jahren seine Heimstatt.

"Diese Straße ist unpassierbar." Warum? "Heckenschützen", erklärt Masebuko. Er führt auf Nebenwegen zu seinem Haus in eZakheni. Eine schwerbewaffnete Fußpatrouille des Militärs marschiert vorbei. Nervöse Soldaten, schwarze und weiße. Mißtrauische Blicke. Entsicherte Gewehre halten die Township in Schach. Gewalt vergiftet den Alltag der Bewohner: Kriege zwischen konkurrierenden Taxiunternehmern, blutige Fehden zwischen der konservativen Inkatha-Freiheitspartei und Anhängern des linken ANC und eine ausufernde Kriminalität. Nicht einmal die Toten haben Ruhe. Ethel Hlatshwayo berichtet von Vandalen, die im Namen der Inkatha Leichen aus den Gräbern reißen und sie zerstückeln, wenn sie in "ihrer" Friedhofssektion liegen.

Viele Bewohner von eZakheni haben zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel. Auf engem Raum zusammengepfercht, können sie kein Vieh halten, und die winzigen Vorgärten ernähren die Großfamilien nicht. "Schauen Sie", sagt Flora Khoza, "das hat uns die Regierung zugeteilt." Sie deutet auf ein handtuchgroßes Grundstück vor ihrer Hütte. Die 72jährige will jetzt nur noch eines: "Zurück nach Roosboom und dort sterben."

Sie und ihre Nachbarn in eZakheni haben bei der Zwangsumsiedlung allen Besitz verloren. Aber viel schwerer wiegt, daß das Sozialleben ihrer Gemeinde zerstört wurde. Daß ihnen die Traditionen und Bräuche geraubt wurden, die mit dem Land ihrer Ahnen verbunden sind. Mzamo Mathe erklärt: "Für uns Afrikaner ist das Land nicht nur ein Produktionsfaktor. Es ist unser Leben." Mzamo leitet die Regionalstelle des Südafrikanischen Kirchenrates SACC in Ladysmith. Er und seine Mitarbeiter betreuen entwurzelte Kommunen und leiten Friedenskomitees. Das paßt militanten, unversöhnlichen Zeitgenossen offenbar nicht. Das Büro wurde mehrfach verwüstet, die Mitarbeiter erhielten Todesdrohungen.

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Im März 1991 besetzten vierzig vertriebene Familien ihre alten Hofstellen in Roosboom; sie wurden von den Behörden abgemahnt, aber sie ließen sich nicht noch einmal vertreiben. Lehmhütten wuchsen aus dem Boden, ein kleiner Laden, eine neue Schule. Nach langem, zähen Ringen gaben die Behörden das Land zurück.

Davon können Hunderttausende nur träumen, nicht nur in Südafrika, sondern überall dort, wo sich europäische Kolonialisten plündernd und mordend oder durch schlaue Händel eingenistet haben. In Namibia, immerhin seit 1990 unabhängig, ist die schwarze Regierung unter Sam Nujoma noch nicht einmal dazu gekommen, eine präzise Bestandsaufnahme der landwirtschaftlichen Liegenschaften zu machen, geschweige denn Nutzflächen für landlose Bevölkerung auszuweisen. In Simbabwe, das manche Weißen immer noch Rhodesien nennen, ist man schon weiter.

Neue Enteignungswelle. Simbabwe will 2000 Farmen konfiszieren. Präsident Robert Mugabe: "Die Weißen müssen teilen, oder wir schmeißen sie raus." Die Brandnachrichten, die im Sommer über den Grenzfluß Limpopo kamen, legten Feuer auch unter die Scheunendächer der südafrikanischen Bauern. "An Mugabe sieht man’s mal wieder", hieß es landauf, landab, "einmal Kommunist, immer Kommunist." Kaum sei die Schonfrist abgelaufen, zeige Präsident Mugabe sein wahres Gesicht und nehme den fleißigen Weißen das Land weg. Ein Viehzüchter aus Vrede prophezeit: "Genauso wird es der ANC mit uns machen, wenn er an der Macht ist."

In der Tat setzte man in Simbabwe im Juni 1972 Großfarmen weißer Siedler auf den Index. Der Skandal ist allerdings nicht, daß Flächen für das Heer der Landlosen akquiriert werden, sondern wie dies geschieht. Die "indizierten Farmer", wie es in der Amtssprache heißt, können gegen die Enteignung nicht klagen. Das Parlament hat vorher noch schnell die Verfassung verbogen, um den Rechtsweg auszuschließen. Daraufhin dachten einige Geberländer laut darüber nach, die Kapital- und Entwicklungshilfe einzufrieren. "Sie können ihr dreckiges Geld behalten", tobte der Staatschef. Das Land gehöre den Schwarzen, "wir können es uns einfach nehmen." Die weißen Großgrundbesitzer schimpft er in diesen Tagen gern unverbesserliche Rassisten. "Sie behandeln ihre schwarzen Arbeiter schlechter als ihre Hunde!" Der Jesuitenzögling Mugabe steht unter Hochdruck. Im nächsten Jahr muß er sich Präsidentschaftswahlen stellen. Die Bürger sind unzufrieden: Hohe Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, ein von der Weltbank verordnetes Strukturanpassungsprogramm, das wie eine Chemotherapie wirkt – dem Patienten fallen die Haare aus. Die Kürzung von Lebensmittelsubventionen, den Sparkurs im Sozial- und Gesundheitsetat bekommen vor allem die Armen zu spüren. Dann sind da immer noch Millionen von Habenichtsen, die auf die Einlösung dessen warten, wofür sie gekämpft haben. "Für die Mehrheit der schwarzen Simbabwer war die Landfrage der Hauptgrund für den Befreiungskampf, schreibt Ngoni Masoka, Vizestaatssekretär im Landwirtschaftministerium.

Die Umverteilung begann 1980, gleich nach dem Ende der Bürgerkrieges, den das rhodesische Regime von Ian Smith gegen Mugabes Guerilla verloren hatte. 162 000 Menschen sollten eigene Schollen erhalten, bevorzugt verdiente Kriegsveteranen. Zwölf Jahre später sah die Bilanz nicht gerade rosig aus. Nur 53 000 Leute waren neu angesiedelt worden. Viele Farmen sahen ziemlich verwahrlost aus, weil es an landwirtschaftlichen Fertigkeiten und an Ausrüstung mangelte. An der ungerechten Verteilung von Grund und Boden hat sich nichts geändert. Nach wie vor bewirtschaften 4500 weiße Großfarmer (früher: 5000) 11,4 Millionen Hektar der fruchtbarsten Äcker; auf 16,3 Millionen Hektar kargen Boden drängen sich 8 Millionen Schwarze. Die meisten leben auf regenarmen communal lands, die einst Reservate hießen.

Die erste Bodenreform war gescheitert. Das große Versprechen aber hieß immer noch: Land. Was lag also näher, als mit wahlkämpferischen Getöse einen zweiten Anlauf zu nehmen?

Bis dato hat der Staat rund 3,3 Millionen Hektar aufgekauft und an die Bedürftigen verteilt. Es handelte sich überwiegend um marginales, brachliegendes Land. Jetzt geht’s ans Eingemachte, an die Spitzenböden in den fruchtbaren Landstrichen. Zum Beispiel in der Region II, die sich ungefähr von Mutare bis hinauf ins Sambesital zieht. Hier sind die Filetstücke zu 99 Prozent in weißer Hand. Auf diesem Land konnten kommerzielle Großfarmer sorglos dicke Gewinne einfahren, solange sie eine Klausel vor Verstaatlichung schützte. Die Bestandsgarantie war 1980 ins Londoner Lancaster-House-Abkommen eingeflochten worden, in jenen Staatsvertrag, der die Unabhängigkeit Simbabwes besiegelte. Sie galt zehn Jahre und keinen Tag länger. 1992 verabschiedete das Parlament in Harare den Land Acquisition Act, der den freien Zugriff auf weißen Großgrundbesitz ermöglicht.

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"Man konnte das ganze Unglück mit den Schwarzen in einem Satz ausdrücken: Sie kamen und stahlen uns unser Land", beschreibt die in Rhodesien aufgewachsene Schriftstellerin Doris Lessing die Urängste von weißen Landlords, wie ihres Bruders. Urängste vergehen nie. Dem steinalten Farmer Neuby Warty schwant, daß sie ihm nach und nach alles nehmen werden. Danach kommt der Untergang. Weil: "Nur wenige Schwarze sind ordentliche Bauern." Gute Erde für schlechte Landwirte – was kann daraus schon werden.

Ob’s wirklich so schlimm ist, wie die "Rhodies" behaupten? Die Kooperative Rusaviro ist nicht leicht zu finden. Sie liegt dreißig Kilometer nördlich des Provinzstädtchens Chugetu. Ein Weg zweigt von der Teerstraße ab und führt tief in den Busch. Klapprige Fuhrwerke rollen durch den Staub. Frauen balancieren turmhohe Bündel Feuerholz auf dem Kopf. Die Kinder haben Angst vorm weißen Mann und fliehen schreiend ins Feld. Zwischen den Ruinen alter, europäischer Farmen blühen violette Jakarandabäume und rotflammende Bougainvilleen. Wundersames, stilles, ländliches Afrika.

In Rusaviro ist gerade Siesta. Thomas Ngara, der Buchhalter der Kooperative, sitzt im Schatten der Veranda, wo früher einmal der weiße Gutsherr gesessen haben mag, als das Anwesen noch "Khartoum Farm" hieß. Jetzt leben hier 18 Familien, insgesamt knapp 200 Leute, unter ihnen einige Kriegsveteranen. Das Gros der Zuzöglinge war vorher landlos. "Rusaviro wurde uns von der Regierung zugeteilt. 943 Hektar Gesamtfläche, 472 Hektar fruchtbares Land. Im August 1986 fingen wir hier an", erzählt Ngara. Was zunächst wie die Rückkehr ins Paradies aussah, erwies sich schon bald als entbehrungsreiche Mühsal.

Den Neusiedlern fehlte es an Maschinen, Saatgut und Dünger, an Produktionsmitteln, die eigentlich von der Regierung kommen sollten. "Aber die hat viel versprochen und fast nichts gehalten. Zum Beispiel hier, die Traktoren..." Ngara deutet auf ein paar Wracks, die offenbar einmal Schlepper gewesen sind. "Die verrotten, weil wir keine Ersatzteile haben." Nur die Ochsen rosten nicht. Allerdings verfügt die Kooperative nur über ein Gespann. "Damit können wir in zweieinhalb Tagen einen Hektar pflügen." So kommt es, daß nur die Hälfte der Nutzfläche unterm Pflug ist. Sechs Tonnen Mais ernten die Bauern pro Hektar. "Wir könnten gut und gerne so viel wie die weißen Farmer produzieren, wenn wir deren Inputs hätten. Wir brauchten dringend eine Bewässerungsanlage." Aber woher das Geld nehmen? Bei den Banken sind sie nicht kreditwürdig, weil sie keine Sicherheiten bieten können. Ihr Land ist Gemeingut, niemand hat einen Besitztitel. Sie fühlen sich ziemlich allein gelassen hier draußen. Wenn ihnen das Zimbabwe Project, eine Wohlfahrtsorganisation für ehemalige Kombattanten, nicht mit zinsgünstigen Kleinkrediten beistehen würde, hätten sie die Folgen der schlimmen Dürre im Vorjahr wohl nicht überstanden.

So kann die Kooperative wenigstens weiterwursteln, und das ist eine erstaunliche Leistung angesichts der vorsintflutlichen Gerätschaften. Hinter der Scheune steht ein Monstrum auf Eisenrädern, das aussieht wie ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert: eine Dampfmaschine. Sie speist die Befeuchtungsanlage für die Tabakblätter. Tabak ist die Brotpflanze von Rusaviro. Damit läßt sich sogar ein bißchen Gewinn erwirtschaften. Das Problem ist nur der Transport nach Chugetu und die Vermarktung. Sieben magere Jahre liegen hinter Rusaviro, die sieben fetten kommen nicht. "Aber wir geben nicht auf", sagt Ngara.

Hans Walker könnte sich über die ausländischen Kommentare grün und blau ärgern. "Man kriegt fast den Eindruck, als handele es sich hier um eine stalinistische Zwangskollektivierung." Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, und mit der muß sich der Agrarökonom jeden Tag herumschlagen. Walker arbeitet im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) als Berater im Landwirtschaftsministerium von Simbabwe. Auch er äußert sich kritisch. "Fehler eins: der Ausschluß des Rechtsweges. Fehler zwei: Die Regierung setzt bei der Entschädigung den Wert der Objekte nach eigenem Gutdünken fest." Folge: Der Marktpreis verfällt drastisch, und die weißen Farmer können sich nicht dagegen wehren. Aber an der Notwendigkeit der Landreform könne kein Zweifel bestehen, betont Walker. "Es ist ein sozialpolitisches Instrument, um eine fairere Verteilung einer zentralen Ressource zu erreichen. So etwas läuft nie ohne Friktionen ab."

Ganz oben auf dem Kriterienkatalog der Landreformer stehen ungenutzte Flächen; es folgen untergenutzte Böden; das nächste Kriterium zielt auf multiple ownerships, das sind, frei übersetzt, Mehrfachgroßbauern; und dann geht es auch noch um brachliegende Haziendas in ausländischem Besitz. Also viel Lärm um nichts? "Nein. Bevölkerungsdruck und verstärkten Landhunger gibt es auch in den fruchtbaren Regionen, und da wird die Suche nach untergenutztem Boden natürlich schwierig." Der Entwicklungsexperte Sam Moyo hat mit dieser schwammigen Kategorie keine Probleme: "Bis zu fünfzig Prozent des Vorzugslandes weißer Großfarmer ist untergenutzt." Eine Expertise der Weltbank (1991) schätzt die Unternutzungsfläche auf 3,5 Millionen Hektar – immerhin 23 Prozent. Aber was heißt untergenutzt? Gilt das zum Beispiel für eine 3000 Hektar große Jagdfarm, wenn auf 2000 Hektar glückliche Wildtiere glücklichen Touristen begegnen und auf dem Restland Feldfrüchte angebaut werden? Heißt unternutzen, wenn Farmer ökologisch verträglich wirtschaften, anstatt den Boden hemmungslos zu plündern?

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An drei Dutzend Kandidaten ist der Kelch vorübergegangen, jetzt stehen noch 47 Farmen auf der Akquisitionsliste, darunter auch das heruntergeschlampte Anwesen eines schwarzen Landlords. Das ist erst der Anfang. Es heißt, der Staat wolle im Rahmen der zweiten Bodenreform fünf Millionen Hektar erwerben. Eine Horrorzahl für die Weißen – vierzig Prozent ihres Kernlandes unter dem Hammer, unmöglich. Fünf Millionen Hektar, stimmt die Zahl? "Korrekt, korrekt", sagt Landwirtschaftsminister Kumbirai Kangai. Es sei kein Grundrecht, 20 000 Hektar zu besitzen. "Wir werden hingehen und sagen: ‚Mein Freund, du hast zu viele Farmen.‘" Die "Freunde" werden diese "schleichende Enteignung" nicht kampflos zulassen. Ein Federfuchser kam sogar auf die geschmacklose Idee, die Landreform Harares mit den Deportationen jüdischer Bürger durch die Nazis zu vergleichen.

Die Vertreter des mächtigen Kommerziellen Farmerverbandes (CFU) geben sich sachlicher. Wenn Peter MacSporran aus seinem Büro tritt, kann er direkt hinüberschauen auf das protzige Hochhaus der Zanu-Einheitspartei. Dort sitzt der Erzfeind Mugabe. MacSporran ist der Vize der CFU. Er hat selber eine bescheidene Farm – ein paar tausend Hektar, auf denen 2500 Rinder grasen und Soja, Tabak sowie Mais gedeihen. "Es steht eine Menge ungenutztes und brachliegendes Land zum Verkauf, lesen Sie nur die Anzeigen", erklärt MacSporran. "Wir sind nicht gegen die Pläne der Regierung, wir bieten sogar unsere Hilfe an." Klingt gut, aber nicht sonderlich überzeugend. Zwischen den Sätzen schwingt die Warnung: "Finger weg von unserem Hab und Gut!" wenn die Agrarrunktionäre in die Defensive geraten, spielen sie gerne eine alte Trumpfkarte aus: Wer den kommerziellen Farmsektor beschneidet, schwäche die Volkswirtschaft Simbabwes. Dieser Tatsache ist sich die schwarze Führungselite durchaus bewußt. Die Kornkammer Simbabwe gehört zu den wenigen Ländern Afrikas, die Nahrungsmittelüberschüsse produzieren. Die weißen Großbauern exportieren nach Übersee vorderhand nach England, Deutschland und Holland. Sie erwirtschaften 42 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes, ihre Ernten bilden nach wie vor das Rückgrat der Wirtschaft. Daran hat sich seit der Kolonialzeit nicht viel geändert: Das Landwirtschaftsministerium steht noch heute neben der Residenz des Präsidenten, quasi im Vorgarten der Macht.

Alle Kolonialregime – von Cecil Rhodes bis Ian Smith – ruhten auf den Schultern der großen Landlords, die Tabak und Baumwolle, Tee und Kaffee, Mais und Weizen für den Weltmarkt produzierten. Privilegiert im Geiste einer rassistischen Agrarverfassung, gepäppelt durch Steuergeschenke und Subventionen, nahmen sie den "Eingeborenen" immer mehr Land weg. Das berüchtigte Maiskontrollgesetz von 1931 zwang zum Beispiel Kleinbauern zu Abgaben, die indirekt den Großfarmern zugeschustert wurden. Ihr unaufhaltsamer Aufstieg seit 1890 ist die Geschichte eines fortgesetzten Landraubes. Die Nachfahren der "Rhodies" sehen das ganz anders. "Unsere Väter haben das Land der Wildnis abgerungen", sagt Alan Burl, der frühere CFU-Präsident. "Haben sie das Land in ihren Schiffen mitgebracht?" schreibt der Leser M. Dundura an die Daily Gazette. "Warum machen wir es nicht wie Cecil Rhodes. Hat er gefragt, als er nahm?" – "Sie nehmen dir die Heimat weg", sagt MacSporran. Ein Farmer, der auf der Enteignungsliste steht, führte im Agrarministerium ähnliche Klage. Der anhörende Beamte erkannte ihn wieder. Er war just einer der Männer, die seiner Gemeinde das Land weggenommen hatten. Soll er heute Mitleid für den Vertreiber empfinden?

Nicht allen weißen Farmern wird es an die Scholle gehen. Die Agrarstrategen ahnen den volkswirtschaftlichen Schaden, den eine flächendeckende Umverteilung anrichten würde. Sie planen fünf Millionen Hektar ein, auf denen Großbauern weiterhin Strategie crops wie Tabak oder Weizen erzeugen dürfen. Das zweite Standbein sollen künftig schwarze Familienbetriebe und Produktionsgenossenschaften bilden. In dieser Saison fuhren die Kleinerzeuger 2,2 Millionen Tonnen Mais ein – immerhin 63 Prozent der simbabwischen Maisernte. Der große Unterschied zur ersten Bodenreform: Diesmal sollen 100 000 master farmer ran, junge Schwarze, die eine gute Ausbildung aus den vorbildlichen Agrarschulen mitbringen. Denn es hat sich hinreichend bewiesen, daß die in den achtziger Jahren beschenkten Veteranen zwar mit Schwertern umgehen können, nicht aber mit Pflugscharen.

Rückfahrt von Harare nach Johannesburg. Endlose Äcker ziehen vorbei, wogende Getreidefelder, Mais im vollen Wuchs. Aus grünen Bauminseln lugen die Farmhäuser der Weißen, hübsche Anwesen im südenglischen Kolonialstil. Diesseits von Afrika, Tania Blixen hätte ihre helle Freude. Neben den Herrenhäusern liegen die Unterkünfte des schwarzen Landproletariats, kein Gras, kein Schatten, nichts. Man fährt über den nächsten Hügel und ist in einer anderen Welt. Trockene Böden, kleine Äcker, dürftige Fruchtstände – kommunales Land, Reservat der "Eingeborenen". An einer Tankstelle südlich von Bulawayo erzählt ein weißer Farmer von seinen Sorgen. "Was soll nur werden?" fragt er sich. Seinen Söhnen ist das Familienerbe egal, sie zogen in die Stadt. "Man weiß nicht mehr, wofür man schwitzt."

Im der kargen Südregion Simbabwes liegen Viehzuchtbetriebe, gegen die sich die alten LPGs in der früheren DDR wie Schrebergärten ausnehmen. Die großen Landlords brauchen Hubschrauber, um ihre bis zu 30 000 Hektar großen Flächen und die vieltausendköpfigen Rinderherden zu überschauen. Gleich in ihrer Nachbarschaft, verborgen im Busch, rainen die Dörfer der Schwarzen. Hier herrscht das Gesetz der knappen Ressource: zu viele Menschen, zuwenig Land; zuviel Vieh, zuwenig Futter und Wasser. Die ohnehin mageren Weiden sind abgegrast, verkarstet und hart wie Beton. Ein Anhalter winkt. Er stellt sich als Kaiphas Zamena vor, ein Lehrer, der in einem Rücksiedlerdorf unterrichtet. "Aus Deutschland kommen Sie? Das ist jetzt wieder vereinigt. Ich habe gelesen, daß bei Ihnen alle Leute das Land zurückerhalten, das ihnen früher genommen wurde. Warum regt Ihr Euch nur so auf, wenn wir das gleiche wollen?"

Südafrika. Hinter den Soutpansbergen das gleiche Bild wie in Simbabwe: das überweidete, übervölkerte Reservat namens Lebowa, die prächtigen Großfarmen der Buren. Am Straßenrand die Spuren von ehemaligen black spots, verfallene Lehmhütten, auf manchen sind noch die wunderschönen Ornamente der Ndebele zu erkennen. Die ehemaligen Bewohner wollen sie bald auffrischen.

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"Unsere Geduld ist nicht unbegrenzt", mahnt das unabhängige National Land Committee, eine Allianz von neun Organisationen, die für die Landlosen spricht. Es war auch ein Wink in Richtung ANC, der die Sache hatte schleifen lassen. "Wir haben bislang zuwenig über Weg und Ziele diskutiert", gab Generalsekretär Cyril Ramaphosa zu. Aber: "Wenn wir der Landfrage den Rücken kehren, wollen wir nicht länger ANC heißen." Die Tradition des Widerstands verpflichtet. Ganz am Ende der Multiparteiengespräche gingen Ramaphosa und sein Verhandlungsteam in die Offensive. Und zogen die Regierung in der Landfrage über den Tisch.

Die druckfrische Verfassung verbürgt es: Die Vertriebenen erhalten das gestohlene Land zurück, zumindest aber Ersatzland oder Entschädigung. Die Frage ist nur, wann? Immerhin steht das Stichdatum für die rückwirkenden Ansprüche fest: Juni 1913, also jener Monat, in dem der Native Land Act in Kraft trat. Zwar läßt der schwammige Artikel 28 in der neuen Konstitution viel Raum für Rabulisten: Absatz 1 und 2 garantieren die Eigentumsrechte; Absatz drei relativiert diese aber in einem zwölfteiligen Satzungetüm. Unversöhnliche Buren kennen nur die bereits bekannte Lesart: "Die Kommunisten nehmen uns alles!" Die Afrikaaner Weerstandsbeweging, die Braunen Südafrikas, warnen: "Das kann Krieg geben." Die Helden der permanenten Revolution führen ihn schon. "Kill a farmer, kill a boer!" schallt der Schlachtruf der Azania People’s Liberation Army im Hinterland. Die "Befreiungskämpfer" haben in diesem Jahr bereits achtzig weiße Farmer umgebracht.

Voller Angst und Panik verkaufen immer mehr Landwirte ihre Höfe. Der Durchschnittspreis für einen Hektar Land ist auf 604 Rand (rund 300 Mark) gefallen. "Da hätt’ ich was Schönes für sie", zirzt Jan Dykemas und rechnet blitzschnell mit seiner Währungstabelle. "Einen Quadratmeter Weideland für einen deutschen Pfennig – wie wär’s?" Dykemas ist Eiendomsagent en Makelaar in Ladysmith, seine Familie spekuliert seit 1918. Queen Mahlobo, die Konkurrentin von nebenan, ist erst seit vier Jahren im Geschäft, eine schwarze Maklerin. "Drei weiße Farmen habe ich schon an Schwarze verkauft", berichtet sie mit breitem Lächeln.

Für die Mehrheit der Landlosen ist die Freiheit, jetzt Grund und Boden erwerben zu dürfen, blanker Hohn. Wer kann sich das leisten? Und überhaupt: Warum zahlen? "Das Land ist unser Land. Unsere Besitzurkunden sind die Gräber unserer Ahnen", sagt eine entwurzelte alte Frau in der Township eZakheni. Am Rand des blütenweißen Landstädtchens Bergville steht eine Tafel, groß wie eine Tischtennisplatte. Darauf prangt in Afrikaans der Treueschwur "Eie Land, vrye Volk – Eigenes Land, freies Volk". So sehen es die Buren, und man spürt, es geht nach alter Väter Sitte um Blut und Boden. Manche Farmer bauen sich gleich mit Schießprügeln vor ihren Äckern auf, wenn die Vertriebenen zur "Inspektion" anrücken. Die Weißen fürchten, alles zu verlieren. Die Schwarzen hoffen, alles zu gewinnen. Es könne durchaus zu Gewaltausbrüchen kommen, warnt eine Weltbank-Studie.

Der Landfrieden ist gefährdet. Das ahnt auch Finanzminister Derek Keys, ein aufgeklärter, verlichter Mann: "Rückgabe ist Teil der Versöhnung." Umgekehrt versicherte Nelson Mandela den nervösen Farmern von Greytown: "Wer das Land rechtmäßig erworben hat, hat es sicher." Nur: Was heißt rechtmäßig? Die alten Landgesetze kann der Präsident des ANC wohl kaum gemeint haben. Zweifelhaft auch, ob die sibyllinische Ankündigung von Cyril Ramaphosa – "Unsere Landpolitik wird so fair sein, wie die frühere unfair war" – zur Beruhigung auf dem platteland beiträgt.

Fest steht: Die Landfrage gehört zu den härtesten Nüssen, die die künftige schwarz-weiße Regierung zu knacken hat. Die Agrarplaner sollten das Exempel Simbabwe genau studieren, um Irrwege zu vermeiden, die im problembeladenen, zerbrechlichen Südafrika ins Chaos führen würden. Es gelten ähnlich strenge Zielvorgaben, Sie dürfen den kommerziellen Agrarsektor nicht zu arg stützen; er sichert die Nahrungsmittelversorgung und produziert für den Export. Sie müssen Zehntausenden von Kleinerzeugern auf die Sämaschinen helfen; die schwarzen Farmer beginnen ganz von vorn. Sie brauchen Hofstellen, Scheunen, Ställe, Arbeitsgerät, Brunnen, Saatgut, Düngemittel und Beratung. Die Arbeitsplätze von 1,2 Millionen Landarbeitern sind zu erhalten, von ihren Löhnen leben 5 bis 6 Millionen Familienmitglieder. Gleichzeitig müssen neue Einkommensquellen erschlossen werden, um Arbeitslosigkeit, Armut und Unterernährung in den Provinzen zu drosseln. Es geht um den Wiederaufbau des ländlichen Raumes, den die Geometer der Apartheid in eine Wüste verwandelt haben. In den infrastrukturellen Oasen saßen die Weißen, auf dem Ödland der übervölkerten Gebiete die Schwarzen.

Land ist genug vorhanden, allein fruchtbare, klimatisch begünstigte Böden sind knapp. Der Agrarwissenschaftler McKenzie schätzt, daß circa drei Millionen Hektar weißes Farmland untergenutzt sind. Der Staat, die Kirchen, das Militär, einige Konzerne gehören zu den Großgrundbesitzern. Sie alle werden Land abtreten müssen – und dann wird es immer noch nicht reichen. Ob der ANC nicht doch en gros enteignet, wenn er allein regiert? Falls nicht: Wo nimmt die Regierung die Mittel her, um Land für die Vertriebenen zu erwerben, Entschädigungen zu zahlen und den Wiederaufbau zu finanzieren? Man spricht von Staatsanleihen, von einem Lastenausgleich nach deutschem Nachkriegsmuster. Schlüssige Antworten hat niemand.

Zurück zur eigenen Scholle – Seite 8

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Das sagen sich die Heimkehrer von Charlestown. Da finden sie sich nun auf dem freien Feld wieder, kalte Böen pfeifen um ihre Ohren, kein Baum, kein Strauch, keine Hütte fängt den Wind. Ein paar Wellblechplatten haben sie mitgebracht, Bauholz, Geschirr, ein bißchen Mobiliar. Sie stehen zwischen ihren Habseligkeiten und sind überglücklich. Afrika ist zurückgekommen! Der alte Mthethwa blättert in einer hellblauen Broschüre, vorne drauf steht in Zulu "Siyanamukela e Charlestown" – "Willkommen", und das ist vielleicht die größte Überraschung dieses Tages. Die weiße Gemeinde nimmt die Vertriebenen freundlich auf. Erwartet nicht zuviel. Uns drückt die Arbeitslosigkeit. Wasser ist knapp. Wir müssen teilen. Alles nachzulesen im hellblauen Merkheft.

"Ich habe niemanden getroffen, der gegen die Rücksiedlung ist", sagt Petrus Schoemann. Der weiße Exfarmer ist vor die Stadt gegangen, um die Heimkehrer zu begrüßen. "Wir sollten nicht vergessen. Man kann diese Dinge nicht vergessen." Diese Dinge. Landraub. Vertreibung. Ausbeutung. Still schaut er den tanzenden und singenden Ankömmlingen zu. Ihr Glück nimmt ein Stück Schuld von ihm.