Diese Art Frieden begann anno 1913, nach einem 300jährigen Eroberungs- und Ausrottungskrieg, den die europäischen Siedler gegen die "Eingeborenen" siegreich geführt hatten. In diesem Jahr wurde das Unrecht Gesetz. Der Native Land Act untersagte Schwarzen, außerhalb festgelegter Territorien Land zu erwerben. Die weißen Herren brauchten ein Heer billiger Arbeitskräfte zur Ausbeutung in ihren Bergwerken und auf ihren Feldern. Außerdem konnten sie auf "legale" Weise jene afrikanischen Bauern abschieben, die zu Konkurrenten der europäischen Farmer herangewachsen waren; ihr Erfolg schmälerte die industrielle und landwirtschaftliche Reservearmee. Infolge des Landgesetzes wurden eine Million Menschen entwurzelt. Der südafrikanische Historiker Allister Sparks spricht von der "umfassendsten Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften seit der Sklaverei".

Das letzte Kapitel der großen Rassen- und Flurbereinigung wurde ab 1948 geschrieben. Der "weiße Stamm" schenkte sich die Staatsdoktrin der Apartheid, derzufolge Menschen mit der falschen Hautfarbe in Südafrika kein Wohnrecht mehr hatten. Die Segregation fegte weit über drei Millionen Schwarze und Farbige von ihrem Grund und Boden. Am Ende waren 87 Prozent des Landes in weißer Hand. Ein paar Bauern erhielten lächerlich geringe Entschädigungen. "Mir gaben sie 2338 Rand für Haus und Hof und 15,4 Hektar", erzählt der 82jährige Andries Radebe aus Cremin. "Dafür kann ich mir heute nicht mal eine Egge kaufen." Wer Besitzurkunden hatte, hielt nur noch wertlose Fetzen Papier in der Hand. Die Mehrheit hatte keine Papiere, denn Eigentum wird nach Gewohnheitsrecht vererbt. Die Jahre zogen ins Land, und auf den Weiden der Schwarzen wurde das Vieh der Weißen fett.

So blieb es bis zum Wendejahr 1990. Genau gesagt bis zur berühmten Rede von Präsident Frederik Willem de Klerk am 2. Februar 1990, in der er den Aufbruch ins neue Südafrika verkündete. Kaum waren die Worte des Staatschefs verhallt, erhoben die Vertriebenen ihre Stimme: "We want our land back – Wir wollen unser Land zurück." Mancher weiße Bauersmann begann, schwarze Pächter, die für einen Hungerlohn auf seiner Farm gearbeitet hatten, vorsorglich rauszuschmeißen. Man weiß ja nie, was Knechte gegen Herren aushecken, wenn sie plötzlich die Freiheit wittern ...

Die Landlords wissen indes sehr genau, was die Landlosen seit siebzig Jahren fordern: Mayibuye iAfrika – Komm zurück, Afrika! Der Beginn der planmäßigen Vertreibung war der Beginn des organisierten Widerstandes. Noch ehe der Native Land Act anno 1913 verabschiedet wurde, gründeten schwarze Führer in einer Halle bei Bloemfontein den Vorläufer des African National Congress (ANC). Wer unser Land raubt, proklamierten sie, raubt unsere Würde, unsere Tradition, unsere Lebensgrundlage. 1955 schrieb der ANC in seine Freiheitscharta: "Das Land soll unter denen geteilt werden, die es bearbeiten."

Aber die städtischen Intellektuellen des ANC, die jetzt mit den ehemaligen Unterdrückern am großen runden Tisch das neue Südafrika aushandelten, schienen diese Gebote vergessen zu haben. Im Kursbuch der Reformen stand die Landfrage ziemlich weit hinten – zu weit hinten. Das fanden jedenfalls die Leute von Goedgevonden und besetzten im April 1991 kurzerhand jenes Stückchen Erde, das ihnen 1978 gestohlen worden war. Derartige Selbsthilfeaktionen haben den Regierenden in Pretoria offenbar Beine gemacht. Sie schafften den Land Measures Act ab, ein Sondergesetz, das die Enteignungspolitik auf rassischer Basis absicherte. Außerdem riefen sie die Beratungskommission für Landverteilung (Acla) ins Leben.

Dem National Land Committee (NLC), der größten Interessenvertretung der Landlosen, wurde die Mitgliedschaft dort verwehrt. Acla sei "zahnlos, zu langsam, nicht repräsentativ", kritisiert NLC-Direktorin Joanne Yawitch. Bei bislang 58 Claims wurde erst in vier Fällen die Rückgabe des Landes empfohlen. Wen wundert es da, daß die Ungeduld der Menschen wächst, die seit Jahrzehnten auf Gerechtigkeit warten?

"Back to the Land": Die Vertriebenen, die unter diesem Namen eine Aktionsgemeinschaft gegründet hatten, wollten nicht mehr länger warten. Am 17. Juni dieses Jahres stiegen die Wortführer der Kampagne in den Bus nach Johannesburg und ließen sich vor dem World Trade Centre absetzen. Die hohen Tiere, die dort drinnen den Übergang vom Apartheidsregime zur Demokratie auspalavern, sollten an die ungelöste Landfrage erinnert werden. Der Zufall wollte es, daß just an diesem Tag schon andere Besucher beim Verhandlungsrat angeklopft hatten: Ein Mob von rechtsextremen Weißen. Die Reporter starrten in das riesige Loch in der Glasfassade des Gebäudes, durch das ein Panzerwagen der südafrikanischen Neonazis gerast war. Keiner nahm von den Bauern Notiz, die schüchtern ihre Spruchbänder schwenkten. Grölende Buren fuchtelten mit Gewehren und forderten, daß nun endlich der "Ausverkauf" ihres guten alten Apartheidstaates gestoppt werde. Freiwillig werden diese Leute keinen Quadratzentimeter "weißer Erde" zurückgeben. Zerknirscht fuhren die friedlichen Demonstranten zurück in die Heimatlosigkeit.