Ein paar Bittsteller waren den langen Weg aus Roosboom gekommen, aus dem Dörfchen Rosenbaum also, bei Ladysmith. Diesen hübschen Namen haben sich die weißen Siedler ausgedacht. Die Hütten des Ortes sind recht idyllisch verstreut zwischen den grünen Hügeln von Natal. Durchs Tal mäandert der uGanda, ein Flüßchen, das selbst in Trockenzeiten nicht versiegt. Ringsum ziehen sich gute Weidegründe bis zu den Bergkuppen hinauf. Roosboom ist vor der Vertreibung eine blühende Gemeinde gewesen, erzählen die Alten – so blühend, daß sie bei den weißen Farmern Begehrlichkeit erweckte.

Knapp fünfhundert schwarze Bauern und ein paar tausend Kleinpächter lebten in Roosboom; die Landrechte der Einheimischen reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1976 waren die Talschaft buchstäblich ausradiert und ein perfides Zerstörungswerk abgeschlossen, das 1959 begonnen wurde. Ethel Hlatshwayo erinnert sich noch genau an die Ereignisse in diesem Jahr. Sie unterrichtete seinerzeit Hauswirtschaftslehre in St. Hilda’s College, einer Internatsschule, die wegen der guten Ausbildung von schwarzen Mädchen gerühmt wurde. Aber das paßte nicht zur neuen Philosophie der "Bantu-Erziehung", die Schwarze gezielt ausgliederte und benachteiligte.

Präsident Hendrik Frensch Verwoerd, der Gründervater der Apartheid, ließ es sich nicht nehmen, die Schließung von St. Hilda höchstselbst zu verkünden. "Mister Verwoerd sagte: ‚Wir werden ganz viele Fabriken bauen, in denen jeden Tag tausendmal so viele Kleider wie in Ihrem College genäht werden.‘ Es waren nur leere Versprechungen", erinnert sich Ethel Hlatshwayo, "in Wahrheit fing an diesem Tag unsere Vertreibung an." Die berühmte Schule wurde bis auf die Grundmauern geschliffen. Wenn Ethel durch die Ruinen geht, "bricht mir jedesmal das Herz". In der ehemaligen Kapelle wurde sogar das marmorne Taufbecken herausgerissen – alles im Geiste der christlich-nationalen Erziehung.

Die Streusiedlung ringsum blieb zunächst stehen. Ab 1960 waren alle baulichen Veränderungen meldepflichtig, ab 1965 erteilten die Behörden keine Genehmigungen mehr. Zehn Jahre später wurden die 7400 übriggebliebenen Einwohner zwangsumgesiedelt. Moses Masebuko war damals sechzehn Jahre alt. "Ich kam von der Schule nach Hause. Wo unsere Hütte gestanden hatte, war nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Die Eltern waren verschwunden. Ich war völlig verwirrt. Sie sind in eZakheni, hieß es." Masebuko lief die 45 Kilometer bis zu dieser Township bei Ladysmith zu Fuß. Er fand seine Familie in einem zugigen Blechverschlag. Der war in den nächsten achtzehn Jahren seine Heimstatt.

"Diese Straße ist unpassierbar." Warum? "Heckenschützen", erklärt Masebuko. Er führt auf Nebenwegen zu seinem Haus in eZakheni. Eine schwerbewaffnete Fußpatrouille des Militärs marschiert vorbei. Nervöse Soldaten, schwarze und weiße. Mißtrauische Blicke. Entsicherte Gewehre halten die Township in Schach. Gewalt vergiftet den Alltag der Bewohner: Kriege zwischen konkurrierenden Taxiunternehmern, blutige Fehden zwischen der konservativen Inkatha-Freiheitspartei und Anhängern des linken ANC und eine ausufernde Kriminalität. Nicht einmal die Toten haben Ruhe. Ethel Hlatshwayo berichtet von Vandalen, die im Namen der Inkatha Leichen aus den Gräbern reißen und sie zerstückeln, wenn sie in "ihrer" Friedhofssektion liegen.

Viele Bewohner von eZakheni haben zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel. Auf engem Raum zusammengepfercht, können sie kein Vieh halten, und die winzigen Vorgärten ernähren die Großfamilien nicht. "Schauen Sie", sagt Flora Khoza, "das hat uns die Regierung zugeteilt." Sie deutet auf ein handtuchgroßes Grundstück vor ihrer Hütte. Die 72jährige will jetzt nur noch eines: "Zurück nach Roosboom und dort sterben."

Sie und ihre Nachbarn in eZakheni haben bei der Zwangsumsiedlung allen Besitz verloren. Aber viel schwerer wiegt, daß das Sozialleben ihrer Gemeinde zerstört wurde. Daß ihnen die Traditionen und Bräuche geraubt wurden, die mit dem Land ihrer Ahnen verbunden sind. Mzamo Mathe erklärt: "Für uns Afrikaner ist das Land nicht nur ein Produktionsfaktor. Es ist unser Leben." Mzamo leitet die Regionalstelle des Südafrikanischen Kirchenrates SACC in Ladysmith. Er und seine Mitarbeiter betreuen entwurzelte Kommunen und leiten Friedenskomitees. Das paßt militanten, unversöhnlichen Zeitgenossen offenbar nicht. Das Büro wurde mehrfach verwüstet, die Mitarbeiter erhielten Todesdrohungen.