"Man konnte das ganze Unglück mit den Schwarzen in einem Satz ausdrücken: Sie kamen und stahlen uns unser Land", beschreibt die in Rhodesien aufgewachsene Schriftstellerin Doris Lessing die Urängste von weißen Landlords, wie ihres Bruders. Urängste vergehen nie. Dem steinalten Farmer Neuby Warty schwant, daß sie ihm nach und nach alles nehmen werden. Danach kommt der Untergang. Weil: "Nur wenige Schwarze sind ordentliche Bauern." Gute Erde für schlechte Landwirte – was kann daraus schon werden.

Ob’s wirklich so schlimm ist, wie die "Rhodies" behaupten? Die Kooperative Rusaviro ist nicht leicht zu finden. Sie liegt dreißig Kilometer nördlich des Provinzstädtchens Chugetu. Ein Weg zweigt von der Teerstraße ab und führt tief in den Busch. Klapprige Fuhrwerke rollen durch den Staub. Frauen balancieren turmhohe Bündel Feuerholz auf dem Kopf. Die Kinder haben Angst vorm weißen Mann und fliehen schreiend ins Feld. Zwischen den Ruinen alter, europäischer Farmen blühen violette Jakarandabäume und rotflammende Bougainvilleen. Wundersames, stilles, ländliches Afrika.

In Rusaviro ist gerade Siesta. Thomas Ngara, der Buchhalter der Kooperative, sitzt im Schatten der Veranda, wo früher einmal der weiße Gutsherr gesessen haben mag, als das Anwesen noch "Khartoum Farm" hieß. Jetzt leben hier 18 Familien, insgesamt knapp 200 Leute, unter ihnen einige Kriegsveteranen. Das Gros der Zuzöglinge war vorher landlos. "Rusaviro wurde uns von der Regierung zugeteilt. 943 Hektar Gesamtfläche, 472 Hektar fruchtbares Land. Im August 1986 fingen wir hier an", erzählt Ngara. Was zunächst wie die Rückkehr ins Paradies aussah, erwies sich schon bald als entbehrungsreiche Mühsal.

Den Neusiedlern fehlte es an Maschinen, Saatgut und Dünger, an Produktionsmitteln, die eigentlich von der Regierung kommen sollten. "Aber die hat viel versprochen und fast nichts gehalten. Zum Beispiel hier, die Traktoren..." Ngara deutet auf ein paar Wracks, die offenbar einmal Schlepper gewesen sind. "Die verrotten, weil wir keine Ersatzteile haben." Nur die Ochsen rosten nicht. Allerdings verfügt die Kooperative nur über ein Gespann. "Damit können wir in zweieinhalb Tagen einen Hektar pflügen." So kommt es, daß nur die Hälfte der Nutzfläche unterm Pflug ist. Sechs Tonnen Mais ernten die Bauern pro Hektar. "Wir könnten gut und gerne so viel wie die weißen Farmer produzieren, wenn wir deren Inputs hätten. Wir brauchten dringend eine Bewässerungsanlage." Aber woher das Geld nehmen? Bei den Banken sind sie nicht kreditwürdig, weil sie keine Sicherheiten bieten können. Ihr Land ist Gemeingut, niemand hat einen Besitztitel. Sie fühlen sich ziemlich allein gelassen hier draußen. Wenn ihnen das Zimbabwe Project, eine Wohlfahrtsorganisation für ehemalige Kombattanten, nicht mit zinsgünstigen Kleinkrediten beistehen würde, hätten sie die Folgen der schlimmen Dürre im Vorjahr wohl nicht überstanden.

So kann die Kooperative wenigstens weiterwursteln, und das ist eine erstaunliche Leistung angesichts der vorsintflutlichen Gerätschaften. Hinter der Scheune steht ein Monstrum auf Eisenrädern, das aussieht wie ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert: eine Dampfmaschine. Sie speist die Befeuchtungsanlage für die Tabakblätter. Tabak ist die Brotpflanze von Rusaviro. Damit läßt sich sogar ein bißchen Gewinn erwirtschaften. Das Problem ist nur der Transport nach Chugetu und die Vermarktung. Sieben magere Jahre liegen hinter Rusaviro, die sieben fetten kommen nicht. "Aber wir geben nicht auf", sagt Ngara.

Hans Walker könnte sich über die ausländischen Kommentare grün und blau ärgern. "Man kriegt fast den Eindruck, als handele es sich hier um eine stalinistische Zwangskollektivierung." Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, und mit der muß sich der Agrarökonom jeden Tag herumschlagen. Walker arbeitet im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) als Berater im Landwirtschaftsministerium von Simbabwe. Auch er äußert sich kritisch. "Fehler eins: der Ausschluß des Rechtsweges. Fehler zwei: Die Regierung setzt bei der Entschädigung den Wert der Objekte nach eigenem Gutdünken fest." Folge: Der Marktpreis verfällt drastisch, und die weißen Farmer können sich nicht dagegen wehren. Aber an der Notwendigkeit der Landreform könne kein Zweifel bestehen, betont Walker. "Es ist ein sozialpolitisches Instrument, um eine fairere Verteilung einer zentralen Ressource zu erreichen. So etwas läuft nie ohne Friktionen ab."

Ganz oben auf dem Kriterienkatalog der Landreformer stehen ungenutzte Flächen; es folgen untergenutzte Böden; das nächste Kriterium zielt auf multiple ownerships, das sind, frei übersetzt, Mehrfachgroßbauern; und dann geht es auch noch um brachliegende Haziendas in ausländischem Besitz. Also viel Lärm um nichts? "Nein. Bevölkerungsdruck und verstärkten Landhunger gibt es auch in den fruchtbaren Regionen, und da wird die Suche nach untergenutztem Boden natürlich schwierig." Der Entwicklungsexperte Sam Moyo hat mit dieser schwammigen Kategorie keine Probleme: "Bis zu fünfzig Prozent des Vorzugslandes weißer Großfarmer ist untergenutzt." Eine Expertise der Weltbank (1991) schätzt die Unternutzungsfläche auf 3,5 Millionen Hektar – immerhin 23 Prozent. Aber was heißt untergenutzt? Gilt das zum Beispiel für eine 3000 Hektar große Jagdfarm, wenn auf 2000 Hektar glückliche Wildtiere glücklichen Touristen begegnen und auf dem Restland Feldfrüchte angebaut werden? Heißt unternutzen, wenn Farmer ökologisch verträglich wirtschaften, anstatt den Boden hemmungslos zu plündern?