Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, ich schreibe diesen Brief schweren Herzens, denn er hat einen bewegenden Anlaß: Die Zeit ist nämlich gekommen, voneinander Abschied zu nehmen. In spätestens einem Jahr werden Sie nicht mehr Bundeskanzler sein. Für Satiriker, Cartoonisten, Kabarettisten, die Ihren Weg zwölf Jahre lang begleitet haben, wird das eine einschneidende Wende bedeuten. Schon heute sagt mir mein sechster Sinn: Eines Tages wird uns ein Licht aufgehen, was wir an Ihnen verloren haben. Für uns waren Sie wie ein Urgestein, aus dem wir nach Gusto Feuer schlagen konnten. So einen Mordstrumm wie Sie bekommen wir nie wieder.

Um Sie aber, Herr Bundeskanzler, wird es einsam werden. Zwar liegt es uns fern, Sie verunsichern zu wollen, aber die große "Losvon-Kohl"-Absetzbewegungs-de- vise: "Rette sich, wer kann" ist in vollem Gange. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Das ist mit Händen zu greifen: Parteifreunde, die Ihnen früher nicht nahe genug auf die Pelle rücken konnten, meiden jetzt Ihren Umgang und beteuern, sie hätten Ihre Politik schon immer mißbilligt, wenn auch vorsichtshalber mit geballter Faust in der Hosentasche. Bildbände wie "Kohl als Mensch" oder "Kohl, ganz privat" werden zu Ramschpreisen verschleudert; Bekannte, die sich einst ihrer Klassenkameradschaft mit Ihnen brüsteten, behaupten, sie wären Ihnen schon damals aus dem Wege gegangen.

Selbst Ihnen muß doch aufgefallen sein, daß Ihre Rückrufbitte auf dem Anrufbeantworter von angeblichen Freunden neuerdings oft unbeantwortet bleibt, daß Sie auf private Einladungen Absagen bekommen, daß so mancher Parteifreund auf einmal an Ihnen vorbeigeht, als seien Sie Luft für ihn. Das muß für Sie eine sehr bittere Erfahrung sein, und Ihrem Glauben an das Gute im Menschen einen schweren Stoß versetzen. Aber so sind Menschen nun mal. Wir aber haben jetzt die traurige Aufgabe, uns auf eine Post-Kohlzeit vorzubereiten. Die Aussichten sind trübe. Ein Scharping mag ja einen brauchbaren Kanzler abgeben – komische Seiten aber waren an ihm bisher nicht zu entdecken; es genügt nicht, dasselbe pfälzische Idiom zu beherrschen; auf Ihre unnachahmliche Intonation kommt es an.

Abschließend sei es mir erlaubt, für zwölf ersprießliche Jahre Ihrer Amtszeit zu danken und Ihnen einen wohlverdienten, angenehmen Ruhestand zu gönnen.