Von Alexander S. Kekulé

Überdeckt von der Diskussion um Aids-verseuchte Blutkonserven wurde kürzlich in aller Stille ein erstaunlicher Rechtsstreit entschieden. Eine Pharmafirma hatte sich jahrelang erfolgreich gegen die Auflage des Bundesgesundheitsamtes (BGA) gewehrt, Spenderblut auf Hepatitis-C-Viren, Erreger einer gefährlichen Leberentzündung, untersuchen zu müssen, bevor aus dem Blut Medikamente gewonnen werden. Die Firma behauptete sogar, aus virusinfiziertem Blut hergestellte Präparate seien besonders sicher.

Von dieser Form der Leberentzündung, der Hepatitis-C, wußte man bis vor wenigen Jahren nur, daß sie ähnlich wie Aids oder die schon länger bekannte Hepatitis-B durch Blut, Blutprodukte und Sexualkontakte übertragen wird. Da sich die beiden anderen bereits bekannten Erreger, das Hepatitis-A-Virus und das Hepatitis-B-Virus, bei den betreffenden Patienten nicht nachweisen ließen, wurde die mysteriöse Gelbsucht als "Non-A-non-B-Hepatitis" geführt. Schließlich gelang Mitte der achtziger Jahre Wissenschaftlern einer kalifornischen Gentechnikfirma die Entdeckung des lange gesuchten Erregers. Da diese jedoch aus wirtschaftlichen Erwägungen zunächst geheimgehalten wurde, stand ein Bluttest für die Diagnose der Hepatitis-C erst Ende 1990 allgemein zur Verfügung.

Die Hepatitis-C, mit der in Deutschland mindestens 150 000 Menschen infiziert sind, ist wegen ihrer außerordentlich schlechten Heilungstendenz gefürchtet. Während die durch verseuchtes Wasser übertragene Hepatitis-A ("Reisegelbsucht") fast immer und die Leberentzündung vom Typ B in etwa neunzig Prozent der Fälle ausheilt, wird die Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) meistens chronisch. Professor Gert Frösner, Leiter des Hepatitis-Labors im Münchner Max-von-Pettenkofer-Institut, hält die Gefährlichkeit von HCV für unterschätzt: "Wir müssen nach neueren Untersuchungen davon ausgehen, daß bis zu neunzig Prozent der Hepatitis-C-Infektionen einen chronischen Verlauf nehmen."

Besonders heimtückisch ist, daß die typischen Zeichen der Leberentzündung wie Übelkeit, Leistungsminderung und Gelbfärbung der Haut ("Gelbsucht") meistens nur wenig ausgeprägt sind. Die Patienten kommen daher oft erst Jahre nach der Infektion zum Arzt, wenn sich die fortschreitende Leberzerstörung mit uncharakteristischen Symptomen wie Appetitlosigkeit oder Müdigkeit bemerkbar macht. Wird die Vermehrung des Virus in der Leber nicht durch das eigene Immunsystem oder eine (nur bei etwa einem Viertel der Patienten erfolgreiche) Interferonbehandlung aufgehalten, so entwickelt sich oft eine tödlich endende Leberzirrhose oder sogar Leberkrebs.

Wie bei Aids besteht der wirksamste Schutz vor HCV in der Prävention, das heißt auch in der Überwachung von Blut und Blutprodukten. Weil der direkte Nachweis von HCV noch zu aufwendig ist, weisen die üblichen Testverfahren nicht die Viren selbst, sondern vom Immunsystem gebildete Abwehrstoffe, sogenannte Antikörper, nach, genau wie beim Aids-Test. Finden sich bei einem Blutspender gegen Hepatitis-C-Viren gerichtete HCV-Antikörper, so beweist dies eine frische oder früher durchgemachte Infektion mit diesem Virus. Mit solchen Tests lassen sich HCV-Antikörper allerdings erst zwei bis vier Monate nach der Infektion nachweisen. Während dieser Zeit von ahnungslosen, häufig beschwerdefreien Spendern abgezapftes Blut ist hochinfektiös und entgeht dem Test – wie bei Aids.

Seitdem jede Blutspende auf Hepatitis-B und Aids-Viren getestet werden muß, hat sich die Hepatitis-C zur mit Abstand häufigsten Krankheit entwickelt, die durch Blut übertragen wird. Bis Ende 1992 wurden in Deutschland jährlich schätzungsweise 10 000 Menschen mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert, etwa die Hälfte davon durch Bluttransfusionen oder medizinische Blutprodukte. "Aufgrund von Stichproben mit den bei uns eingesandten Blutproben muß davon ausgegangen werden, daß etwa jeder 200. Blutspender mit HCV infiziert ist", schildert Gert Frösner die dramatische Situation.