Bayern 3, Dienstag, 14. Dezember, 22.40 Uhr: "Djadje – Last night I fell off a horse" von Herbert Brödl

Brenda ist zurückgekehrt auf ihren Kontinent. Zwölf Jahre hat sie Afrika nicht mehr betreten. Beim Zwischenstopp in Simbabwe schreitet sie durch die Flughafenhalle. Ihre dunklen Augen blicken ruhig um sich, das feine Gesicht wirkt entspannt. Sie ist angekommen, doch noch nicht am Ziel.

Bevor sie Südafrika aus politischen Gründen verlassen mußte, hieß sie Djadje. Der Tod ihres Vaters hat sie zurückgeholt. Jetzt legt sich ein Schleier über ihre Gegenwart. Gerüche – längst vergessene – verwirren sie, setzen Gefühle frei. Kapstadt, ihr Ziel, rückt in weite Ferne. Kindheitserinnerungen werden wach, Schuldgefühle quälen sie.

"Spurensuche in fernen Ländern" nennt der in Hamburg lebende österreichische Filmemacher Herbert Brödl seine Trilogie, die er zwischen 1987 und 1991 in Südamerika, Schwarzafrika und der Südsee gedreht hat. "Djadje" ist der zweite Teil. Brödls Filme sind eine Mischung aus Fiktion und Dokumentation, seine Menschen immer in Bewegung, mit einem Dampfer etwa auf dem Rio Negro oder einer Propellermaschine im Südpazifik. Sie tauchen ein in fremde Kulturen und Bräuche, hören Geschichten aus fernen Zeiten und ewige Wahrheiten aus weisen Mündern: "Wir brauchen Kunst, weil es uns an Instinkt mangelt. Wenn ich hier herumkratze, bin ich eins mit den Stimmen in meinem Kopf und denen um mich herum."

Der so spricht, ist ein alt gewordener Bildhauer, den Brenda besucht, nachdem sie beschlossen hat, sich ihrem Ziel nicht mit Jet-Geschwindigkeit zu nähern. Sie nimmt den Zug nach Kapstadt – und verliert sich tiefer in ihren Gedanken, ihren Sehnsüchten und Träumen. Ihre innere Unsicherheit will zu ihrer Schönheit, ihrer äußeren Kraft und meditativen Haltung nicht passen. Sie sucht Rat bei der kleinen Reisegesellschaft, die in der Abgeschlossenheit des Zuges eine eigene Welt bildet.

Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen: der weiße Südafrikaner, die holländische Nonne, die Entwicklungshelferin, der schwarze Zugkellner... Sie alle haben ihre Geschichte, die Herbert Brödl durch Gesten, Andeutungen und Worte in die Geschichte Brendas hineinwebt; Impressionen nur und doch ein Ganzes.

Niemanden läßt die Kultur des Schwarzen Kontinents unbeeindruckt. Der weiße Südafrikaner möchte mehr wissen über die Gerüche, die Brenda irritieren; die holländische Nonne, die in ihrem eigenen Land Übersinnliches verspottet, glaubt hier an das Wunder, daß eine Steinwurzel einer Greisin Milch in die vertrockneten Brüste zurückbrachte.

Wird es auch für Brenda ein Wunder geben? Gelingt es ihr, ihre Zweifel, sie sei unerwünscht in ihrem Vaterhaus, abzuschütteln? Zu Beginn des Films ist ein Fußabdruck zu sehen, fast vier Millionen Jahre alt und entstanden nur, weil ein Wanderer einer Bedrohung wegen seine Richtung geändert hatte. Wohin wird Brenda ihre Schritte lenken? Sie verläßt den Zug, begibt sich auf die Schienen und verschwindet in der Tiefe des Bildes. Der Rest ist Poesie: "Noch nie habe ich mich dem Augenblick so nah und gleichzeitig so fern gefühlt. Meine Füße haben mich aus dem Zug getragen, nur die Füße. Ich gehe zurück. Ich gehe durch meinen Kopf." Anne Frederiksen