Von Karl-Heinz Janßen

Jedes Schulkind im "Dritten Reich" lernte es: München war die "Hauptstadt der Bewegung". Was Bewegung eigentlich bedeutete, erklärten die Lehrer nicht weiter – ohnehin wußte jeder, daß nur die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gemeint sein konnte. Da verwundert es doch sehr, wenn die Münchner selber erst ein halbes Jahrhundert danach diesem Thema eine Ausstellung widmen, in der eigenen Stadt und, da die Zeugnisse der wenig ruhmvollen Vergangenheit in allen Himmelsrichtungen zerstreut liegen, auch extra muros auf Spurensuche gehen.

Entstanden ist eine Ausstellung, die nach Ausmaßen (26 Räume, zwei Kilometer Gehstrecke), nach Vielfalt der Exponate und Themen und in der geglückten Verbindung von Sinnlichkeit und Aufklärung ihresgleichen sucht, eingebettet in eine Halbjahrespalette von weit mehr als hundert Veranstaltungen und mehreren ergänzenden Ausstellungen (siehe unten). Das Ergebnis dieser gemeinsamen therapeutischen Anstrengung ist ein Vademekum für den Seelenhaushalt der Nation.

Man mag es unbillig finden, Vor- und Hauptgeschichte des Nationalsozialismus auf München und das Bayernland zu verdichten, als hätten nicht auch die preußischen Lande zwischen Trier und Tilsit, die Millionenstädte Berlin und Hamburg und selbst das Ländchen Lippe ihren Anteil an Verführung, Verblendung und Verbrechen. Doch wer sich auf die abenteuerliche Expedition im Stadtmuseum einläßt, wird überrascht gewahr, wie unauflöslich die Geschichte Münchens mit dem Nationalsozialismus verschränkt ist:

Von hier zog der österreichische Militärflüchtling und Postkartenmaler Adolf Hitler 1914 als Kriegsfreiwilliger mit einem bayerischen Infanterieregiment ins Feld; hier gründete er als "deutscher Arbeiter (!) und Frontsoldat" seine eigene Partei, marschierte er mit Ludendorff und anderen rechtsradikalen Verschwörern den Gewehrläufen der Polizei an der Feldherrnhalle entgegen; hier stand er als Putschist vor Gericht; hier ließ er willkürlich hohe SA-Führer erschießen; hier nahm er seinen Wohnsitz, bis er 1933 samt etlichen Spießgesellen nach Berlin ins Zentrum der Macht fortzog.

Trotz des Umzugs blieben beachtliche Institutionen des Einparteienstaates in der bayerischen Metropole zurück: die Reichsleitung der NSDAP, das Hauptarchiv, der Hauptverlag, die Reichsschatzmeisterei und das Oberste Gericht der Partei. Man hat noch alte Karteischubläden und Rollschränke aus dem Verwaltungsbau aufgetrieben und unzählige Requisiten – von Kragenspiegel und Armbinde bis zu Koppelschloß und Fahnenspitze – aus der Reichsschatzmeisterei, einem einträglichen Wirtschaftszweig.

Alljährlich beging die Partei in München im November ihre Totenkultfeier. Ihre Baumeister hinterließen der Nachwelt das Haus der Deutschen Kunst, wo dann – ewige Schande – Ausstellungen wie "Entartete Kunst" und "Der Ewige Jude" Zehntausende von Besuchern anlockten. Von München aus inszenierten Hitler, Goebbels, Himmler und Heydrich die Pogrome am 9. November 1938. Aber – auch daran haben die Gestalter vom Team der Projektleiterin Brigitte Schütz gedacht – im "Bürgerbräukeller" legte Georg Elser die Bombe, und in München war’s, wo die Weiße Rose ihr unvergängliches Zeichen setzte.