Von Georg Blume

Den Fujiyama am Tokioter Horizont kann der Premierminister selbst bei klarer Sicht nicht sehen. Sein Blick aus dem armseligen Bungalow des japanischen Ministerpräsidenten reicht nicht einmal über die Steinmauern des benachbarten Kaiserpalastes. Seit 1945 wird Japan aus diesem Betonloch inmitten des Stadtchaos regiert. Ist das der Grund, weshalb bislang nur graue Mäuse hier einzogen?

Im August nahm der liberale Volkstribun Morihiro Hosokawa im Regierungsbungalow Quartier. Sie wollten zuerst die Tapeten wechseln lassen, entschieden der 55jährige Regierungschef und seine selbstbewußte Frau Kayoko nach der ersten Besichtigung ihrer von den Vorgängern unbenutzten Residenz. Doch dann blieb für Renovierungen kaum Zeit. Schon schmiedeten die Oppositionsparteien neue Angriffspläne, wurde der Held des Sommers für seine ersten Regierungstaten im Parlament mit Schimpf und Schande überladen.

Je näher der Winter rückte, desto stärker wehte der Gegenwind. Eine unheilige Allianz aus Nationalisten, Bürokraten, Börsenspekulanten und Linkssozialisten tat sich nun in dieser Woche zusammen, um dem unerfahrenen Hosokawa das Handwerk zu legen. Im Parlament verhinderte der rechte Block der alten liberaldemokratischen Regierungspartei die politischen Reformgesetze. Dabei konnten die Liberaldemokraten auf die Schützenhilfe der Bürokraten setzen, denen die pünktliche Verabschiedung eines ordentlichen Haushalts wichtiger war als das politische Reformprogramm der Regierung.

An der Börse jagten indessen die Aktienhändler die Kurse in den Keller, weil ihnen der Finanzminister keine Subventionen mehr versprach. Die Sozialdemokraten drohten mit ihrem Austritt aus der Regierungskoalition, nachdem Hosokawa am Dienstag im Kabinett die Öffnung des japanischen Reismarktes angekündigt hatte. Schlimmer noch: Erstmals meldete am selben Tag eine Zeitungsumfrage Popularitätsverluste für den Ministerpräsidenten, mit dessen Wahl der erste Machtwechsel der japanischen Nachkriegsgeschichte gelang. Statt bisher 70 Prozent stützten Hosokawa nur noch 65 Prozent der Japaner. War das schon das Totengeläut für einen gescheiterten Reformer?

Tatsächlich blieb Morihiro Hosokawa im Kampf um die Macht, der nach dem wundersam friedlichen Regierungswechsel im Sommer erst jetzt wieder voll entbrannt ist, nur das Volk als Verbündeter.

"Er trachtet nicht nach der Macht, sondern nimmt sie als selbstverständlich entgegen", urteilte Kayoko Hosokawa über ihren Mann. Die beiden studierten erst zusammen an der christlichen Sophia-Universität in Tokio und trafen sich später zufällig in einem römischen Café wieder – ein "Holiday in Rome" im wahrsten Sinne, verbarg sich doch hinter dem jungen Journalisten Hosokawa ein Fürst, dessen Familienstammbaum bis ins frühe Mittelalter reicht. Tonosama, zu deutsch etwa: "Ihre Exzellenz", nennen die Japaner ihren jungen Regierungschef mit dem berühmten Familiennamen ehrfürchtig und erwähnen voller Stolz, daß sein Bruder in die kaiserliche Familie eingeheiratet hat. Beste Referenzen also für einen, den das Volk ausgesucht hat, nachdem jahrzehntelang die legendären Parteibosse der Liberaldemokraten, Kakuei Tanaka und Shin Kanemaru, ihre fragwürdigen Gehilfen auf den Sessel des Premierministers setzten.