Von Klaus Hartung

Magdeburg

Wenn man den Landesparteitag der CDU am vorigen Wochenende in Magdeburg als Probebühne für den Wahlkampf nehmen will, dann ist der Gaststar Helmut Kohl durchgefallen. Seine populistischen Sensorien versagten. Dabei wurde er in dem überfüllten und überheizten Kongreßraum der ehemaligen Parteihochschule wie ein Erlöser herbeigesehnt. Selbst der zwei Tage zuvor gewählte neue Ministerpräsident Christoph Bergner (45) unterbrach seine Grundsatzrede und fragte: „Ist die Ankunft des Bundeskanzlers zu erwarten?“

Kohl sprach lange, mit wachsendem Wohlgefallen an seiner historischen Rolle, in sanguinischer Laune, das Hier und Jetzt genießend. Er warnte: „Die gesammelte Linke ist unterwegs“, die Geschichte zu fälschen. „Wenn wir nicht aufpassen, haben die Sozis die Einheit gemacht.“ Er begrüßte den Wertewandel, forderte „Neues Denken“. Die Leistungsbereitschaft wachse. Die „Statistik dieser Tage zeige eine förmliche Gesundheitswelle am Freitag und am Montag“. Je länger der Kanzler über das Phantom einer westdeutschen Freizeitgesellschaft triumphierte, desto stiller wurde der Parteitag. Der Beifall erstarb.

Auf der Heimfahrt in sein Hallenser Einfamilienhaus war Christoph Bergner immer noch irritiert: Warum hat der Kanzler die Situation in Sachsen-Anhalt gar nicht wahrgenommen? Er selbst halte einen „konfrontativen Wahlkampf“ gegen die SPD für verfehlt. Das wolle er Helmut Kohl in einer stillen Stunde noch einmal sagen.

In seiner Antrittsrede auf dem Parteitag hat Bergner die Delegierten weder mobilisiert noch auf ein Programm eingeschworen. Er hielt eine Laudatio auf die Abgeordneten. „Lobt das Parlament, nicht den Ministerpräsidenten!“ rief er nach seiner Wahl, als sich die FDP-Abgeordneten unter Tränen zu ihm bekannten, den Delegierten zu. Das Parlament, „der exemplarische Platz der Freiheit“ – er erinnerte sich, mit welchem „Neid“ er vor 1989 die Debatten im Bundestag verfolgt hatte. Und er versprach: „Ich will ein Ministerpräsident mit einem engen Bezug zum Parlament werden.“

Instinktsicher traf Bergner den Ton. Er profilierte sich weniger als CDU-Politiker, sondern als Verteidiger der Demokratie, mit einer Rede, die ein westdeutsches Parlament als unverbindliche Rhetorik abtäte. Man wolle sich nicht zu „Marionetten von Umfragen“ machen und auch nicht von den Medien „wie Gladiatoren in die Arena schicken“ lassen. Als Ministerpräsident gehe es ihm nicht um „künftige Mehrheiten, sondern um die Werte der freiheitlichen Ordnung“.