Indes machte es die IG Metall den Härtefallkandidaten auch in Sachsen nicht gerade leicht. Von 43 Anträgen kamen nur 15 durch: "Bis auf zwei waren alle gut begründet. Vor allem schreiben die Unternehmen durchweg hohe Verluste", sagt Rudolf Bürger, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der sächsischen Metall- und Elektroindustrie (VSME).

Die geringe Konzessionsbereitschaft der Gewerkschaft, die im Härtefallverfahren ein faktisches Vetorecht hat, steht im offensichtlichen Gegensatz zur wirtschaftlichen Misere vieler Unternehmen. Nach wie vor sind die Wettbewerbsnachteile gegenüber der ebenfalls nicht gerade auf Rosen gebetteten westdeutschen Konkurrenz gravierend. Die gesamte ostdeutsche Wirtschaft erreicht nach Berechnungen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in diesem Jahr nur etwa 46 Prozent des westlichen Produktivitätsniveaus. Spiegelbildlich stellt sich die Situation bei den Lohnstückkosten, dem wohl wichtigsten Maßstab für Wettbewerbsfähigkeit, dar. Sie verharren auf hohem Stand und lagen, so hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin errechnet, Mitte dieses Jahres rund 75 Prozent über West-Niveau. "Auch drei Jahre nach der Wiedervereinigung haben die ostdeutschen Betriebe ihre Wettbewerbsposition nicht fundamental verbessert", resümiert DIW-Forscher Wolfgang Scheremet.

Mit Wettbewerbs- und Umstellungsproblemen kämpfen vor allem kleinere Industrieunternehmen, die aus einem ehemaligen volkseigenen Betrieb hervorgegangen sind. Ein Anteil der Personal- an den Gesamtkosten von fünfzig Prozent und mehr macht sie besonders anfällig. Bereits vergleichsweise moderate Lohnsteigerungen können ihre Leistungsfähigkeit überfordern. Umgekehrt verschafft ihnen Lohnstreckung Luft und möglicherweise sogar finanziellen Spielraum für produktivitätsverbessernde Investitionen.

Nicht untypisch ist die Situation eines Dreißig-Mitarbeiter-Betriebes, der im südlichen Brandenburg sogenannte Formdrehteile für die Großindustrie herstellt. Obwohl die IG Metall den Härtefallantrag des Unternehmens abschmetterte, einigten sich Geschäftsführung und Betriebsrat darauf, die Regelung umzusetzen. Nach der Vereinbarung darf die Firma die im Metalltarif festgelegten Lohnanpassungen jeweils um ein Jahr strecken. Die vollständige Angleichung auf westliches Lohnniveau kommt so erst Mitte 1997 statt – wie im offiziellen Stufenplan vorgesehen – ein Jahr zuvor.

Derzeit zahlt das Unternehmen 7,5 Prozent unter Tarif. "Dadurch sparen wir monatlich immerhin etwa 8000 Mark. Ohne diese Regelung hätten wir unser Kreditlimit längst überschritten und wären zahlungsunfähig geworden", sagt der Geschäftsführer. Allerdings weiß auch er: Auf Dauer hilft die Lohnstreckung nur weiter, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Eine Einsicht, die sich mit den Erkenntnissen des Dresdener Stahlbauer Rudolf Hempel deckt: "Wenn wir genügend Aufträge mit einigermaßen auskömmlichen Preisen hätten, wäre das Lohnproblem nur halb so groß."

Im Gegensatz zu Stahlbau Hempel ist die brandenburgische Firma Mitglied im Arbeitgeberverband und damit tarifgebunden. Da sie jedoch unter Tarif zahlt, verstößt sie gegen geltendes Recht, Und obwohl auch die örtliche IG Metall inzwischen von der Betriebsvereinbarung Kenntnis haben dürfte, ist es bislang nicht zum Streit gekommen.

Auch dies ist nicht untypisch für die Verhältnisse in den neuen Bundesländern. Offenbar scheuen die Gewerkschaften vielfach den offenen Konflikt, um nicht den letzten Rückhalt bei den Belegschaften zu verlieren. "Die IG Metall ist mittlerweile unter starkem Druck der Betriebsräte, denen die Arbeitsplätze näher sind als die Gewerkschaft", meint Rudolf Bürger, der sächsische Arbeitgeberfunktionär.