Tatsächlich ist das Dilemma der IG Metall im deutschen Osten beträchtlich. Einerseits sind Öffnungsklauseln für sie nach wie vor ein rotes Tuch, weil sie dadurch den Flächentarifvertrag unterminiert glaubt und somit ihren Einfluß auf die betriebliche Basis schwinden sieht. Andererseits erreicht sie mit ihrer wenig flexiblen Haltung in Sachen Härteklausel das genaue Gegenteil von dem, was sie beabsichtigt. Geschäftsführungen und Betriebsräte vereinbaren nicht nur Lohnabkommen an Tarifvertrag und Gewerkschaft vorbei. Immer mehr tarifgebundene Firmen versuchen auch, sich dem engen Lohnkorsett zu entledigen, indem sie aus dem Arbeitgeberverband austreten. Und die meisten Unternehmensneugründer schließen sich nach Beobachtungen des sächsischen Branchenverbandes diesem gar nicht erst an.

Diese Entwicklung ist nicht nur aus Sicht der Gewerkschaft und des Arbeitgeberverbandes bedenklich. Sie birgt auch Gefahren für Betriebsräte und Belegschaften, die angesichts der desolaten Arbeitsmarktlage nur eine äußerst schwache Verhandlungsposition gegenüber den Geschäftsleitungen haben. Rudolf Hempel, der Stahlbauer aus Dresden, der zugleich als regionaler ASU-Funktionär aktiv ist, weiß zum Beispiel von einer Reihe von Fällen zu berichten, in denen die Unternehmen ihren Beschäftigten die Bedingungen schlicht diktieren: "Auf Lohngruppen wird da keine Rücksicht genommen. Da wird einfach festgelegt: Der bekommt elf Mark und der zwölf Mark in der Stunde."

Die Regel sind solche Praktiken offenbar noch nicht. Vor allem Unternehmer ostdeutscher Abstammung nehmen ihre soziale Verantwortung ernst. "Da wirkt noch das alte DDR-Bewußtsein nach", sagt Karl Weißenborn, der für die neuen Länder zuständige ASU-Mitarbeiter. Schwarze Schafe, die die Notlage der ostdeutschen Werktätigen bedenkenlos ausnutzen, sind laut Weißenborn aber auch bei den West-Investoren in der Minderheit.

Als Modellfall gilt inzwischen der nicht tarifgebundene Druckereibetrieb von Gruner + Jahr in Dresden. Dort hat der Hamburger Verlag mit dem Betriebsrat gleich eine ganze Reihe von Vereinbarungen geschlossen. Kernstück ist eine Regelung, wonach das Unternehmen nur dann die tariflich festgelegten Ost-Löhne zu zahlen braucht, wenn es die Ertragslage zuläßt. Die Besonderheit: Stellt sich im nachhinein heraus, daß der Betrieb mit Gewinn gearbeitet hat, so werden die Löhne und Gehälter durch sogenannte Einmalzahlungen rückwirkend aufgestockt. Darüber hinaus war der Betriebsrat damit einverstanden, von der üblichen Besetzungsordnung von vier Druckern pro Maschine abzuweichen. Zudem darf in dem Betrieb an sieben statt an fünf Tagen gearbeitet werden.

Ohne diese Zugeständnisse wäre Gruner + Jahr nicht bereit gewesen, auf der grünen Wiese eine neue Zeitungs- und Illustrationsdruckerei hochzuziehen. In der völlig veralteten Akzidenzdruckerei wären mehr als 500 Arbeitsplätze verlorengegangen. So sichert der 500-Millionen-Neubau etwa 700 der ingesamt 800 Stellen. Trotz massiven Sperrfeuers der IG Medien fielen dem Betriebsrat die ihm abverlangten Konzessionen daher nicht besonders schwer. Im Gegenteil. Siegfried Großmann, der Vorsitzende der Arbeitnehmervertretung, denkt inzwischen wie ein Unternehmer: "Die von uns vereinbarten Regelungen sichern uns einen Marktvorteil, weil wir billiger produzieren können. Ansonsten wären wir nur eines von vielen Unternehmen in Deutschland gewesen." Nicht umsonst befürchtet die IG Medien Präzedenzfallwirkung auch für die westdeutsche Druckindustrie.

Eine gewisse Vorbildfunktion könnte Gruner + Jahr in Dresden aus einem anderen Grund haben. Flexible Konzepte, die den Lohnverzicht mit einer Beteiligung der Mitarbeiter an späteren Gewinnen verbinden, sind in Ostdeutschland noch eine Rarität: "Es gibt zwar viele Modelle, die aber alle nicht richtig ausprobiert wurden", sagt ASU-Funktionär Karl Weißenborn: "Von der einfachen Gewinnbeteiligung bis zum Investivlohn – alles ist möglich. Vor allem würde damit der Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital abgebaut und auch die Akzeptanz der Gewerkschaften erhöht."

VSME-Geschäftsführer Rudolf Bürger ist da sehr viel weniger euphorisch. Gewinnbeteiligungen der Arbeitnehmer lehnt er schon wegen der "schwierigen Beweisführung" im Eventualfall ab. Statt dessen hängt er vertanen Chancen im vergangenen Tarifkonflikt nach: "Heute ist man klüger. Vier Wochen länger Streik im Frühjahr – dann wäre die Tarifanpassung an West-Niveau nicht in solchen Sprüngen und später als 1996 gekommen", glaubt Bürger.