Von Carl D. Goerdeler

Bei Heinrich Horn in Puerto Varas bekommt man Bleistifte, Büroklammern oder Briefumschläge noch einzeln vorgezählt, und den Weihnachtsschmuck haben die Bauersfrauen daheim gebastelt. Horst Pohlmann hingegen kann den Warenbestand seines Jumbo-Supermarkts von Alto Las Condes nur noch mit Hilfe von Computern lenken. Zwischen dem Kramladen im Provinznest Puerto Varas und dem tausend Kilometer entfernten Shopping-Center in der Hauptstadt Santiago liegen Welten – eines aber haben sie gemein: Die Regale sind gut gefüllt.

Um die vollen Läden, den hohen technischen Stand, die guten Schulen, die anständigen Gehälter und die politische Stabilität beneiden die südamerikanischen Nachbarn das Land jenseits der Anden. Das war nicht immer so. Früher betrachteten die Argentinier die Chilenen als arme Hinterwäldler. Buenos Aires – ein zweites Paris was war schon dieses Dorf Santiago de Chile dagegen? Am Rio de la Plata scheffelten Viehbarone und Getreidehändler Millionen, über die Anden ans Ende der Welt zogen dagegen Krauter aus dem Hunsrück, aus Wales oder dem Baskenland. Kleinbauern und Handwerker prägten das Bild Chiles, ganz im Gegensatz zum Rest Lateinamerikas, wo Sklaverei und Plantagenwirtschaft dominierten. In Chile gab es kein Gold – nur harte Arbeit im Überfluß. Das aber verband die Leute mehr miteinander als der plötzliche Reichtum, der sie anderswo entzweite.

Heute läuft Chile dem Subkontinent davon. Die Wirtschaft des Andenstaates wächst in atemberaubendem Tempo: seit 1985 im Durchschnitt um fünf Prozent, in diesem Jahr werden 8,3 Prozent Wachstum erwartet, im vergangenen Jahr waren es sogar 10,4 Prozent. Eine Inflationsrate von zwölf Prozent ist für europäische Maßstäbe sehr hoch – in Lateinamerika aber ein Zeichen von Stabilität – 1989 war die Geldentwertung noch doppelt so hoch. Chile hat ein Devisenpolster von neun Milliarden Dollar, davon könnte man alle Importe eines Jahres bezahlen. Der Wirtschaftsboom hat die Arbeitslosigkeit auf 4,9 Prozent gedrückt – während der Militärdiktatur hatten viermal so viele Chilenen keinen Job. Präsident Patrico Aylwin trat vor vier Jahren sein Amt mit dem Versprechen an, die bereits unter Pinochet begonnene Politik des freien Handels und der offenen Märkte fortzusetzen – aber nicht per Ukas und Befehl, sondern im Dialog mit den gesellschaftlichen Gruppen und im Bewußtsein sozialer Verantwortung. Das Ziel sei eine soziale Marktwirtschaft und kein Wildwest-Kapitalismus.

Das Versprechen wurde eingelöst. Ohne Neuverschuldung stiegen die Ausgaben im Staatshaushalt um acht Prozent, und der Löwenanteil (65 Prozent) wird für soziale Zwecke verwendet. Die Rechte der Arbeitnehmer wurden durch fortschrittliche Arbeitsgesetze gestärkt. Die Freiheit von Lehre und Forschung wurde wiederhergestellt. Chile investiert mehr als fünf Prozent seiner gesamtwirtschaftlichen Leistung in die Erziehung. Die Vereinten Nationen bescheinigen Chile von allen lateinamerikanischen Staaten den höchsten Human Development Index, es wird also am meisten für die Entwicklung getan.

Die Chilenen werden bei den Wahlen am 11. Dezember ihr Urteil fällen. Es steht so gut wie fest, daß mit dem Christdemokraten Eduardo Frei das demokratische Bündnis der Mitte (Christdemokraten, Radikale, Sozialisten) wieder eine breite Mehrheit erringen wird. Die Chilenen sind gebrannte Kinder, ihnen steckt der Schock von drei Jahren Volksfrontregime und über sechzehn Jahren Militärdiktatur noch in den Knochen. Das politische Trauma aus der jüngsten Vergangenheit hat dazu geführt, daß in Chile Extremisten keine große Chance haben. Freilich sind in Chile auch die sozialen Kontraste wesentlich geringer als in den Nachbarländern.

Immer noch leben drei Millionen von dreizehn Millionen Chilenen unter ärmlichen Verhältnissen – und auch einige tausend in Saus und Braus, aber die meisten zahlen brav ihre Steuern. Der Staat geht mit dem Geld sparsam um. Die Ministerien kommen mit wenig Leuten und Gesetzen aus; wirtschaftliche Aktivität wird nicht behindert. Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedliche Produkte Chile inzwischen exportiert: Lachsfilets, Weintrauben, Rasierpinsel, Computerprogramme und Kupfermünzen für die Staatsbanken von Israel, Kolumbien, Argentinien und Uruguay.