Von Richard von Weizsäcker

Die Völkergemeinschaft hat sich ihre Institution mit den Vereinten Nationen gegeben. Diese haben seit dem Ende des Kalten Krieges ihre Tagesordnung stark erweitert. Allerdings sind die quantitativen Wachstumsraten bisher eindrucksvoller als die qualitativen.

Die Aktivitäten zur Verhinderung oder Lösung von Konflikten wurden zahlenmäßig erheblich gesteigert. In den ersten vierzig Jahren ihrer Existenz haben die Vereinten Nationen weit weniger friedensbewahrende Operationen initiiert als in den vergangenen acht Jahren. Vor 1985 gab es weniger als 10 000 Blauhelme, danach stieg die Zahl auf über 80 000.

Mit der gewachsenen Bedeutung der Vereinten Nationen steigt auch bei uns Deutschen der legitime Wunsch nach ständiger Mitsprache. Berechtigterweise wird eine rasche konstitutionelle Klärung der Bedingungen für einen Einsatz der Bundeswehr im Auftrage der Vereinten Nationen außerhalb des Nato-Territoriums gefordert. Mit gutem Grund bemühen wir uns um den Ruf der Verläßlichkeit. Aber damit ist es nicht getan. Man wird uns erst dann für berechenbar und vertrauenswürdig halten, wenn wir unsere Prioritäten klar definieren und kontinuierlich verfolgen; keine zu haben, das würde niemanden beeindrucken, und es würde uns auch nicht geglaubt. Wir zielen auf eine Rolle in der Völkergemeinschaft der Vereinten Nationen mit voller eigener Souveränität. Das heißt, wir entscheiden uns in jedem Falle so, wie wir selbst es für richtig halten, dagegen nicht danach, was andere von uns als Zeichen des Wohlverhaltens erwarten.

Als der Uno-Sicherheitsrat vor knapp fünfzig Jahren geschaffen wurde, definierte man Sicherheit primär militärisch. Inzwischen sind die Waffensysteme immer stärker, raffinierter und teurer geworden. Zugleich erkennen wir ihre völlige Machtlosigkeit gegenüber den Hauptgefahren der Menschheit, nämlich der zentralen und universalen Bedrohung der Lebensbedingungen und der Natur durch Industrienationen und Entwicklungsländer in West und Ost und Nord und Süd.

Weil die Bevölkerung ständig wächst und die natürlichen Ressourcen des Wassers, der bestellbaren und bewohnbaren Erde unaufhörlich abnehmen, ändern sich die Anforderungen an eine globale Sicherheitspolitik fundamental. Während der vergangenen 25 Jahre hat sich in Afrika die Zahl von Menschen und Vieh vervierfacht. Damit geht eine Ausbeutung des Bodens einher, für die auch wir im Norden eine Mitverantwortung tragen: Wir beanspruchen für unsere Ernährung viel Eiweiß, Fett und tierische Produkte, für deren Erzeugung wertvolle pflanzliche Kalorien, Soja und Mais, verschwendet werden. Es sind die Rindfleischimperien, die riesige Waldflächen in Weideflächen umgewandelt haben, welche dann nach wenigen Jahren veröden. Unsere Holz- und Möbelindustrie und wir als ihre Kunden beschleunigen die Umwandlung von Naturwald in Holzplantagen.

Die Landflucht in die Riesenstädte verändert und verschärft die Not. Statt uns in die Frage zu verbeißen, wer den Kampf der großen Wirtschaftszentren Amerika, Ostasien und Europa um den Vorrang im nächsten Jahrhundert am ehesten gewinnen könnte, sollte jeder Kontinent Maßnahmen entwickeln, was er zum Beispiel gegen die Gefahr einer globalen Erwärmung der Atmosphäre tun kann und muß, und zwar bevor wir darüber noch genauere wissenschaftliche Prognosen bekommen.