Von Florentino Rodriguez*

Vor elf Jahren hat Luisa an einer kubanischen Universität ihr Ingenieursdiplom erhalten. Heute arbeitet sie zu Hause. Aber sie zeichnet keine Baupläne und bereitet keine Feldstudie vor: Sie arbeitet als Friseuse. In nur einer Woche verdient sie damit mehr als doppelt soviel wie eine Ingenieurin im Monat.

Carlos hat sein Ökonomiestudium drei Jahre nach Luisa beendet. Danach arbeitete er einige Jahre als Berater in verschiedenen Staatsbetrieben. Heute jedoch sieht man ihn ständig mit seinem Auto am Flughafen oder anderen Touristenzentren Havannas stehen, wo er den Ausländern Chauffeursdienste anbietet, zu Preisen weit unter denen der staatlichen Taxis, versteht sich. Wenn er damit im ganzen Monat nur fünfzehn Dollar einfahren sollte – dann hätte er, schließlich erhält man für einen Dollar siebzig kubanische Pesos, sein Gehalt als Diplomökonom immer noch verdreifacht.

Oder Felipe. Er hat ein Literaturstudium hinter sich, war Lehrer an einer Oberschule und arbeitet heute in einer Ausgabestelle für Lebensmittel. Dort erhält er jeden Tag Waren, die nicht offiziell registriert sind, sondern von den Lastwagenfahrern für ihre Freunde (und Geschäftspartner) abgezweigt werden. Felipe verkauft diese nicht registrierten Waren zu Preisen, die ihm jeden Tag weit mehr als ein monatliches Lehrergehalt einbringen.

Derartige Beispiele ließen sich zu Hunderten aufführen. Die Ursache liegt auf der Hand. Die Revolution bot vielen Kubanern die Möglichkeit zu studieren, nicht aber die entsprechenden Arbeitsplätze. Junge Universitätsabsolventen wie Luisa, Carlos und Felipe waren der große Stolz der Revolution gewesen. Sie wurden in der Überzeugung erzogen, daß sie "nützlich für die Revolution" wären. Nur war ihnen nie gesagt worden, daß diese soziale Nützlichkeit darin bestehen würde, als Individuum ohne Bedeutung zu sein.

Nach der Zusicherung, daß ihre wirklichen Namen ungenannt bleiben, geben alle drei zu, daß sie kein Interesse mehr an der Ausübung ihres eigentlichen Berufs haben. Denn erstens würde jede mutige, kreative Initiative, die ihnen in den Kopf käme, sofort gegen die Mauern einer allgegenwärtigen Bürokratie prallen, in einem ermüdenden Prozeß an die "höheren Stellen" weitergereicht, und – im besten Falle – nach ewig langer Zeit verwelkt und leblos zurückkommen. Und zweitens wäre nach Jahren des Studiums an der Universität ihr realer Lohn niedriger als, zum Beispiel, der eines Zimmermädchens in einem Touristenhotel.

Die neue Arbeitssuche der Akademiker zeigt, daß es in Kuba heute, ein Vierteljahrhundert nach der Verstaatlichung aller Privatbetriebe, eine große Nachfrage nach einem neuen System öffentlicher Dienstleistungen gibt. Die staatlichen Betriebe sind schon lange ein Modell für Ineffizienz und eine Brutstätte des Schwarzmarkts, der längst die Herrschaft über das alltägliche Wirtschaftsleben errungen hat. Wenn ein Kubaner heute ein Hemd kaufen oder seinen Kühlschrank repariert haben will, sucht er unweigerlich nach einem heimlichen Verkäufer oder einem der sogenannten "selbständigen" Techniker. Denn er kann sicher sein, daß der Staat unfähig ist, sein Problem zu lösen.