Von Heiner Uber

Sie fehlen in jeder Bevölkerungsstatistik. Will man Auskunft über sie, haben Einwohnermeldeämter nur ein ratloses Achselzucken übrig. Selbst Volkszählungen haben sie bislang glattweg übersehen. Und das, obwohl es sich mit über dreißig Millionen Vertretern ausschließlich männlichen Geschlechts um eine die Beamtenschaft erheblich übersteigende Bevölkerungsgruppe handelt. Soziologen erklären dieses Phänomen mit ihrem äußerst kurzen periodischen Auftreten. Und in der Tat: Während sich in den Monaten Januar bis Oktober weder im Straßenbild noch im privaten Bereich ein Hinweis auf diese Millionenschar erkennen läßt, erlebt der Bürger Jahr um Jahr parallel mit der ersten Erkältungswelle einen nahezu epidemischen Anstieg der Schokoladennikoläuse. In der Regel nur sechs bis maximal dreißig Zentimenter groß, sind die geballt auftretenden Winzlinge wohl wegen ihres roten Mantels, aber auch ob ihres langen weißen Bartes kaum zu übersehen.

Obwohl von jedermann geliebt, verschwinden sie nach diesem vorweihnachtlichen Intermezzo mehr oder minder spurlos. Bereits zur Jahreswende entdeckt man nur noch gelegentlich versprengte Exemplare. Nicht nur unter paläontologischen Gesichtspunkten ein Phänomen, das durchaus mit dem Aussterben der Dinosaurier vergleichbar ist, allein mit dem Unterschied, daß es sich beim Schokonikolaus mit einer Periode von genau zwölf Monaten wiederholt. Wem der Vergleich mit den Urgiganten weit hergeholt erscheint, mag sich vergegenwärtigen, daß die jährliche Lebendmasse aller Schokoladennikoläuse bei über zehntausend Tonnen liegt. Seit Jahrzehnten mit steigender Tendenz.

Historiker datieren das erste Auftreten dieser Spezies ziemlich genau auf das Ende des vergangenen Jahrhunderts. Die mit der Gründerzeit fortschreitende Industrialisierung leitete auch die Fertigung von Nikoläusen in Großserien in sogenannten Schokoladenfabriken ein. Die Vorgänger hießen noch Clausen-Mann oder Spekulatius. Denn auf den Backmodeln wurde häufig das Abbild dieses Heiligen auf einem Schimmel dargestellt. Der Name hat sich dann im Lauf der Zeit auf das Gebäck übertragen. Manche der aus Hefeteig gebackenen Figuren wurden noch in geschmolzene Schokolade getaucht, historisch gesehen eine Art Vorserienmodell zu den neueren, in komplizierter Fertigungstechnik hergestellten Hohlfiguren.

Allerdings unterschieden sich die damaligen Exemplare wesentlich von den heutigen. Den typischen Schokonikolaus der Kaiser- und Weimarer Zeit kennzeichnen buschige Augenbrauen und ein strenger Blick mit einer Miene, die sich noch nie zum geringsten Lächeln verzogen hat. Mit bereitgehaltener Rute ist er in bestem alttestamentarischem Sinn der Phänotyp des "gerecht Strafenden".

Ganz anders dagegen der charakteristische Nikotyp am Ende unseres Jahrhunderts. Seiner sanft lächelnden Gesichtsphysiognomie ist sofort zu entnehmen: Er hat sich mit antiautoritärer Pädagogik beschäftigt, er hat "Summerhill" gelesen und den 68er-Aufruhr mit Interesse verfolgt. Allein die Ähnlichkeiten in Haar- und Barttracht mit dessen führenden Protagonisten lassen den Schluß zu, daß der Schokonikolaus nicht isoliert von politischen, ökologischen und soziokulturellen Entwicklungen gesehen werden darf. Biederten sich noch in den konsumfreudigen und umweltunbewußten Siebzigern die schokosüßen Weihnachtsmänner, in allerlei Plastik schütten sitzend und mit aufgeklebten bauschigen Polyurethanbärten, an, so sind heutige Gattungsvertreter eingefleischte Töpferianer, die sich auf ihr Alufolienoutfit den Grünen Punkt drucken lassen. Manche Bierdose kann dann mit Fug und Recht behaupten: "Ich war einmal ein Schokonikomantel."

Aber auch das politische Tagesgeschehen geht nicht spurlos an den Schokonikoläusen vorbei. Der EG-Binnenmarkt ließ bereits jetzt eine Art europäischen Einheitstypus herausmutieren, der in den vergangenen Jahren diverse länderspezifische Varianten verdrängte. So gab es noch in den Achtzigern Exportmodelle, deren Alufolienfrack das schokoladene Grundmodell als österreichischen Krampus oder holländischen Schwarzen Piet einkleidete.