Von Peter Fuhrmann

Eigentlich schade, daß die elektroakustische Klangspeicherung noch nicht erfunden war. Zu gerne hätte man erfahren, was sich konkret wohl abgespielt hatte, als der despotische Kapellmeister Ludwigs des XIV. und erste namhafte Dirigenten-Komponist moderner Prägung, Jean Baptiste Lully, bei der Aufführung eines eigenen Werkes zu heftig auf das legitime Rechtsempfinden pochte. Ein jäher Wutausbruch war ihm zum Verhängnis geworden. Mit seinem meterlangen Dirigentenstock stampfte er beim Taktieren auf den Boden und einmal daneben: Er verletzte sich dabei den Fuß so sehr, daß er kurze Zeit später (1687) an Wundbrand starb.

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"Wir alle fühlen uns im Recht; aber wir fühlten uns bereits vor zwanzig Jahren im Recht; doch heute wissen wir, daß wir nicht immer Grund dazu hatten." Als Igor Strawinsky Ende der fünfziger Jahre diese Erkenntnis gewann, war er dabei, sein kompositorisches Vermächtnis testamentarisch auf Schallplatten zu dokumentieren. Haben Komponisten bei der Realisierung ihrer Werke immer recht? Behauptungen, deren Wiedergaben dürften als einzig gültige gelten, pflegte der hochbetagte englische Dirigent Sir Adrian Boult mit angelsächsischer Gelassenheit zu kontern: Kein dirigierender Komponist habe die Interpretation seiner eigenen Partituren von Jahr zu Jahr so willkürlich geändert wie Edward Elgar. Ein Beispiel für viele?

Jede "Interpretation" verabscheute Igor Strawinsky zutiefst. Er bestand darauf, daß seine Musik niemals verändert, ausgeschmückt oder gar verbessert werden dürfe. (Es sei denn von ihm selber, was selten geschah.) Ihre Ausführung müsse "pur" wie Whisky sein – er mochte ihn sehr. Mit seiner CBS-Serie "Strawinsky dirigiert Strawinsky", die zwischen 1945 und 1965 entstand, errang er als Komponist einen einsamen Rekord: Mehr als vierzig kleine und große Werke sind in jener beispielhaften Sammlung unter seiner präzisen Stabführung oder peniblen Aufsicht als authentischer Nachlaß festgehalten. Als Kernelemente schälen sich darin zwei Tugenden heraus, auf denen der Urheber unerbittlich beharrte: "Tempo ist das Grundproblem beim Dirigieren, vielmehr als das Poetisieren. Ein schöpferischer Aspekt besteht in der Behandlung des Tempos insofern, als man ein vorgegebenes Objekt "schöpft", nämlich Tempo. Es ist mehr als nur ein Gestaltungsmittel ... ein Organismus... Die wichtigste Disziplin indes ist Geschmack, auch wenn es paradox scheint. Er ist das Privileg einer Persönlichkeit, ein natürlicher Weg, Werte zu erkennen ..." Was Wunder, daß auch der englische EMI-Konzern sich endlich auf die in seinen Archiven schlummernden Schätze besinnt und mit der Reihe "Composers in person" nach und nach exemplarische historische Einspielungen – audiotechnisch optimal aufbereitet – auf den Plattenmarkt bringt: in Sachen Strawinsky ein Bündel an Aufnahmen, die zwischen 1930 und 1938 in dessen Doppelfunktion als Dirigent und Pianist zustande gekommen sind. Dem geübten Hörer gewährt jene Orchester-, Chor- und Kammermusik einen frühen Einblick in die objektive Strenge, die Strawinskys handwerklich fundiertem Musizieren da wie dort zugrunde liegt. Ein bestechendes Kennzeichen ist die eminente klavieristische Bravour, die er in jenen faszinierenden Einspielungen cool, keck und voller Rasanz zur Schau stellt. Brillante Höhepunkte solcher Ingeniosität sind unstreitig die Standardwerke "Les Noces", "Symphony of Psalms" sowie das "Capriccio" für Klavier und Orchester, die wie die übrigen Stücke nicht lange nach ihrer Entstehung erstmals für das Plattenmedium produziert worden sind.

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Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich überhaupt erst Musiker darauf zu spezialisieren begannen, Werke aus fremder Hand aufzuführen, wäre die Trennung der Personalunion von Komponist, Konzertmeister und Kapellmeister unmöglich gewesen. Von der Ars nova des späten Mittelalters über Renaissance, Barock, Klassik und Romantik wurde jene Praxis als bares Selbstverständnis überliefert. Mehr und mehr setzt sie sich auch unter den Zeitgenossen wieder durch: Boulez, Henze, Kagel, Stockhausen und die meisten ihrer jüngeren Kollegen sind bei Aufführungen eigener Werke meistens mit im Spiel. Ihre Kompetenz ist unverzichtbar. Mit überraschendem Niveaugefälle machen in der EMI-Serie auch die Altväter davon Gebrauch: