Ich habe nie so recht daran geglaubt, daß es wirklich eine Lösung für den jüdisch-arabischen Konflikt gibt, obwohl ich eine solche Lösung mein Leben lang angestrebt habe. So habe ich auch trotz meiner Zweifel immer wieder gesagt und geschrieben, daß die Versöhnung zwischen Israel und den Arabern nach einem grausamen, nun schon fast hundertjährigen Krieg möglich ist. Ich habe auch behauptet, daß sie leichter zu bewerkstelligen ist als die Aussöhnung zwischen Juden und Europäern.

Die meisten Juden wollten Europäer sein, und Europa versuchte, die Juden loszuwerden, was letzten Endes auch gelang. Aus der beiderseitigen, unfreiwilligen Interessengleichheit nach dem jüdischen Exodus aus Europa wurde der Judenstaat und damit der Konflikt mit den Arabern geboren.

Wer aus einem brennenden Haus springt, achtet nicht darauf, ob unten schon jemand sitzt. Der durch diesen Konflikt genährte Haß hing mehr mit Gebietsansprüchen zusammen als mit den Relikten des absurden, von den Flammen des europäischen Autodafés durchzuckten Hasses gegen die Juden. Was die Araber schreckte, war die Tatsache, daß die Juden, areligiös und daher nüchtern genug, um zu begreifen, daß sie keinen Platz in Europa hatten, einen Teil ihres Landes beanspruchten.

Welche Ironie des Schicksals: Die säkularen Juden, die gar nicht nach Palästina auswandern wollten, sondern lieber in Europa geblieben oder nach Amerika gegangen wären, mußten sich auf die uralte, mythische Verheißung Gottes an Abraham berufen, um ihre Heimkehr ins Land der Väter zu rechtfertigen, während die religiösen Juden, die wirklich an diese Verheißung glaubten, auf den Messias hofften und im Exil blieben.

Das Gute an diesem Paradox war, daß auch die Araber sich vor allem als Söhne Abrahams und weniger als Freigeister betrachteten. Wohin man auch sieht, ein Krieg zwischen Vettern. Was eigentlich passierte, war doch das: Die Juden, die Deutsche sein wollten, wurden nach zweitausend Jahren wieder zu Brüdern Ischmaels.

Das Ende des Kalten Krieges stellte im Nahen Osten alles auf den Kopf – die Schutzherren wechselten, die Schützlinge blieben. Die irakischen Raketen, die auf Tel Aviv fielen und in den Juden ein Trauma heraufbeschworen, das nicht mit dem Irak, sondern mit der Assoziation "deutsches Giftgas" zu tun hatte, die dem Vertrauen der Zivilbevölkerung auf die militärische Abwehr einen vernichtenden Schlag versetzten, diese Raketen führten zu einer Überschneidung von innerem Bedürfnis und äußerem Zwang.

Die äußere Notwendigkeit, die Araber und Juden zusammenführte, war der erste gemeinsame, mächtige Feind, der beide von innen und außen her zu vernichten sucht – der islamische Fundamentalismus und allen voran der Iran.