Von Konrad Heidkamp

Als Larry Speakes, der Sprecher des Weißen Hauses, im Januar 1987 eine Pressekonferenz mit der Bemerkung eröffnete, er stamme aus Mississippi, und danach eine Kassette mit "That’s All Right (Mama)" abspielte, war klar, daß er keine Neuigkeiten über den Iran-Contra-Skandal zu bieten hatte. Aber, so Larry Speakes, die Reporter durften ihn "alles über den King" fragen.

Als ich J.F., meinen alten Schulfreund, zum ersten Mal zu Hause besuchte, war offensichtlich, daß er die zehnte Klasse am Gymnasium nicht erleben würde. Elvis in allen Lagen und Farben und Frisuren, als Bravo-Starschnitt, Postkarte, Single-Cover und Faltblatt-Pin-up. Dylan- und Doors-Fans wurden später als Umwelt- und Innenminister in Deutschland durchaus ernst genommen, das Coming-out eines Ministers als Elvis-Verehrer steht bis heute aus.

Marilyn, Mao, Elvis – das Warholsche Triptychon der Nachkriegsmythologie hatte intellektuell schon immer Schlagseite. Das Bekenntnis zu Elvis erforderte Differenzierungen und Prologe. Also, sehe man davon ab, daß er kaum einen seiner Songs selbst geschrieben habe, die Texte zugegebenermaßen von Schmalz und Schablonen triefen, Elvis nur das weiße Alibi für die verbotene Sehnsucht nach schwarzer sexueller Eindeutigkeit verkörpere und in den siebziger Jahren zur Selbstparodie einer alternden Tunte verkommen war, klinge seine Stimme einfach ... wie ... ja, und hier stockt des Redners Fluß.

Hat sich der Elivs-Fan bis zu diesem Punkt nicht von dem starren, entsetzten Blick des Zuhörers irritieren lassen, folgt meist die nächste Einschränkung: Eigentlich möge man aber nur a) die "Sun Sessions", b) die frühen RCA-Aufnahmen vor dem militärischen Sündenfall, c) das Comeback von 1968, d) einige Stücke aus der Spätphase, wobei möglichst unbekannte Titel zu nennen sind. Geschmackvollerweise abzulehnen sind: 80 Prozent seiner Aufnahmen zwischen 1960 und 1968, alle Filme, die meisten Gospelaufnahmen, die späten Konzertmitschnitte. So weit eingeschränkt kann der intellektuelle Diskurs beginnen, der tumbe Fan hat sich als Kenner entpuppt, vom Verdacht der Pin-up-Onanie befreit.

Und nun darf er schwelgen: von zwei Wiederveröffentlichungen, die den Beginn des gesamten Elvis ankündigen, die digital und chronologisch speichern, was bisher verstreut in unzähligen Kombinationen und Varianten von RCA bedenkenlos und leichenfleddernd als musikalisches Tuttifrutti vermarktet wurde. "Elvis – The Complete 50s Masters" und "Elvis – The Essential 60s Masters I". Mit jeweils fünf CDs, einem dicken Beiheft (Hochglanz natürlich!), mit all den genialen, grauenhaften oder mittelmäßigen Aufnahmen, die heute in Auswahl, fein gemahlen, bei Tchibo als Weihnachtsangebot neben der Besten Bohne angeboten werden ("Wählen Sie Ihre eigene Mischung").

Man sollte sich nicht mit Sonderangeboten zufriedengeben. Hier sind sie alle: die 140 unverzichtbaren Songs aus den fünfziger Jahren, von Elvis’ erster legendärer Acetat-Pressung "My Happiness", die erst 1990 entdeckt wurde, bis "I Got Stung"; die 130 Studioaufnahmen von 1960 bis 1968, von "Make Me Know It" zu "Tower Of My Love". Es werden folgen: Elvis goes Gospel, Elvis goes Hollywood, Elvis goes Vegas, Elvis goes Milkcow... Liveauftritte, Bootlegs vielleicht, doch die neun Stunden, die jetzt vorliegen, überschreiten schon jedes Hörvermögen. Also, ein ebenso sinnloses Unterfangen wie jene bedrückend drohenden Versprechungen von 2001: Alles von Beethoven, Hendrix, Cream, Davis ...? Eine anachronistische Empfehlung in Zeiten, die – in Parallele zur angeblichen Ausbeutung der schwarzen Musik durch Elvis – von der Ignoranz der weißen Medien gegenüber Hip Hop und Rap geprägt sind?