Dieser Kommentar ist Luigi Mackeroni gewidmet. Er arbeitet als Bulle in New York und ist im Herzen noch immer Sizilianer. Palermo, Catania oder Das Recht ist die Faust auf dem Zyklopenauge des organisierten Verbrechens. Heute weiß er, daß es nicht in Ordnung war, seine Jugend mit dem Abknallen von Singvögeln zu vergeuden. Er ist ein Held mit Schwächen, hin und her gerissen zwischen seinem Privatleben (Sex) und seinem Beruf (Crime). Diesen Konflikt aus genitaler Bestimmung und gesellschaftlichem Auftrag vergißt er am liebsten in der rauhen Männerwelt der New Yorker Lederlokale. Luigi Mackeroni – das ist der Porno-Cop, mit einem Beichtvater im katholischen Sizilien.

Aber jetzt ist Advent, und Palermo/New York sind so weit weg wie das ganze Jahr nicht. Kerzen erhellen die langen, stillen Abende, und im Briefkasten liegt das Grußwort der Gemeindepfarrei ("St.Maria", München-Thalkirchen). Jubilate! "Freut Euch!" Worauf? "Das ewige Leben." Es grüßt: "In herzlicher Verbundenheit Ihr Monsignore Grabmaier." Manche Namen narren ihre Besitzer. Das kennen wir von Mackeroni.

Also noch einmal: Kerzen brennen, der Pfarrer schreibt, und die Kultur startet ihr Kontrastprogramm. Im Münchner Theater 44 hat Peter Turrinis "Grillparzer im Pornoladen" Premiere, in der Werkstatt des Staatstheaters gastiert das London Physical Theatre mit "MSM" ("Men Who Have Sex With Men"), ein Nachspiel zu den Tagebüchern von Joe Orton, und im Lustspielhaus zeigt man "Das Kondom des Grauens". Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung gesteht Dieter Dorn, Intendant der Kammerspiele: "Mir gefällt die katholische, südliche Lust." Selbst Dorn, den Couturier des Regietheaters, berühren "archaische" Gefühle, zum Beispiel beim Anblick eines "Alm-Abtriebs", also angesichts von Sennerinnen, Hirtenjungen und Kühen. Aus dem Himmel über München hört man nicht mehr das Bimmeln des Christkinds, sondern Mackeronis Gelächter.

Dieses Gelächter muß es gewesen sein, das Münchner Polizisten den Weg in die Buchhandlung Hugendubel zeigte. Dort blätterten sie in den Büchern des Comic-Künstlers Ralph König: "Schwul zu sein, bedarf es wenig, ich bin schwul und heiß’ Ralph König." 1987 erfand er in seinem Kölner Atelier den Porno-Cop Mackeroni. 1992 wurde König beim Erlanger Comic-Salon als "bester deutscher Comic-Autor" ausgezeichnet.

In zwei Alben beschreibt er Mackeronis schwierigste Fälle. Erster Fall: Im Hotel "Quickie", auf Zimmer 308, beißt ein "Killer-Kondom" den Herren ihr bestes Stück ab. Zweiter Fall: Ein rüsselartiger Horrorpenis verschlingt ganze Männer, "bis auf die Knochen". Es ist, als überfielen Mackeronis sexuelle (Alp-)Träume New York: "Diese Stadt ist eine einzige stinkende Kloake, in der sich die Perversen tummeln." Mackeroni zieht sich in sein Hochhaus-Appartement zurück: "Was ich jetzt brauchte, war ein bißchen Liebe. Ich ging kalt duschen."

Bei ihrem ersten Besuch im Buchladen haben die Herren von der "Sitte" vier Nebenwerke Königs konfisziert: "Bullenklöten", "Machocomix", "Safere Zeiten" und "Comics, Cartoons, Kritzeleien". Ihren berühmten Kollegen haben sie bisher verschont. Aber ob die Herren wiederkommen und noch mehr von König lesen wollen, weiß man bei Hugendubel noch nicht. Das ist die Situation: Der große Mackeroni muß die "Sitte, München" fürchten. "Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie." Es ist, als hätte Marx diesen Satz für Mackeroni erfunden.

In Hubert Fichtes Büchern gibt es eine besonders bleiche Figur. Das ist der Mann von der "Sitte, Hannover", ein Spitzel mit Hut, aber trotzdem nicht ohne Format. Er erkennt in sich selber den obsédé sexuel, den er jagt.

Aus Mackeronis Wunschzettel ans Christkind: 1 Fahrkarte nach Hannover. Helmut Schödel