Unter den inkriminierten Äußerungen des glücklicherweise zurückgetretenen Präsidentschaftskandidaten Heitmann waren die über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit die heikelsten. Auschwitz, so lassen sich seine Bemerkungen zusammenfassen, sei ein furchtbares Kapitel der deutschen Geschichte, aber die deutsche Geschichte sei nicht allein dadurch bestimmt. Dieses Kapitel sei jetzt, nach der deutschen Vereinigung, ein historisches und insofern "einzuordnendes" Kapitel. Die jetzt notwendige Normalisierung Deutschlands bedeute, die normalen Rechte und Pflichten einer Nation wahrzunehmen und nicht auf jener moralpolitischen Sonderrolle zu bestehen, die eine ins Negative gewendete Fortsetzung jener Sonderrolle sei, die die Nazis für sich beansprucht hätten.

Läßt man die sprachlich und intellektuell unzureichende Darstellungsform beiseite, bedenkt man zudem, daß Rudolf Augstein in diversen Interviews kürzlich ganz Ähnliches gesagt hat, dann hat man eine politische Option vor sich, die dringend einer skrupulösen Diskussion bedarf. Der Wunsch, Deutschland solle "normal" werden, hat etwas Verlockendes, auch wenn er utopisch sein sollte. Die entgegengesetzte Option bestünde darin, Auschwitz endgültig zu metaphorisieren und daraus einen moralischen Knüppel zu machen, der beispielsweise als Argument gegen die deutsche Vereinigung herhalten muß – so etwa seinerzeit Günter Grass. Solche Instrumentalisierungen fallen unter Dolf Sternbergers Diktum, Auschwitz sei weder zu erklären noch zu verstehen.

Was aber dann? Alles spricht für die Vermutung, daß beide Optionen nicht taugen; die eine ist moralisch, die andere politisch unhaltbar. Die Suche nach einem Weg, der die politischen Notwendigkeiten mit der historischen Schuld Deutschlands in ein selbstkritisches Verhältnis setzt, wird unweigerlich die nächste Zukunft bestimmen. Dafür liefert Antonia Grunenbergs Essay "Antifaschismus – ein deutscher Mythos" Denk- und Diskussionsstoff. Die Autorin lehrt Politikwissenschaft in Aachen.

Ihr Buch ist keine umfassende Darstellung von Begriff und Geschichte des Antifaschismus. Es ist vielmehr eine cum ira et studio geschriebene politische Selbstverständigung, ein engagiertes und sachkundiges Votum in einer Debatte, von der die Geschichte der deutschen Linken seit langem beherrscht wird. Es komme ihr nicht darauf an, so Antonia Grunenberg, "denen, die ihr Leben gelassen haben – und sei es im Glauben an den Stalinismus –, hinterherzurufen: Es war alles umsonst". Sondern: "In einer Zeit, in der entschieden wird über Mythen und Legenden, über das deutsche Selbstbild und die Urteile in Europa und der Welt über Deutschland, ist es angeraten, die Träume und Aporien, den Irrglauben und die falschen Allianzen dieses Jahrhunderts am Beispiel jener Epoche und Ideologie Revue passieren zu lassen, die vom Gedanken und der Strategie des Antifaschismus getragen waren."

Antonia Grunenberg schildert die Ideologie des Antifaschismus, beginnend mit der Entstehung des Begriffs bei Mussolinis Machtergreifung in Italien 1922, endend mit seiner Rolle in der Bundesrepublik und in der DDR. Er diente auch als Instrument der Disziplinierung, als Mittel der Selbsttäuschung, als tröstliche intellektuelle Heimat, als argumentative Waffe im Kampf der Linken gegen die Rechten. Und diese Ideologie führte auch zur Leugnung der stalinistischen Verbrechen, zur Blindheit gegen die Realität der DDR und zur Unfähigkeit, in der deutschen Vereinigung etwas anderes als eine Peinlichkeit oder gar ein Unglück zu sehen.

Die Hoffnung der Autorin, nunmehr, nach 1989, gebe es die Chance, über all das neu nachdenken zu können, ist eine schöne und gefährdete Hoffnung. Mythen haben ein zähes Leben, und gerade jetzt erscheint der Antifaschismus als letztes aus der Konkursmasse gerettetes Bindemittel, das die auseinanderfallenden Fraktionen der Linken zusammenhält. Die prompte Wut, die Heitmann erregte, verriet auch die Genugtuung, wenigstens in diesem Punkt Geschlossenheit zeigen zu können. Aber mit jedem Tag, der seit dem 3. Oktober 1990 vergeht, wird die Historisierung von Auschwitz mächtiger und der Mythos des Antifaschismus ohnmächtiger werden. Wer dagegen gewappnet sein will, der wird (wozu dieses notwendige Buch nur der Anfang ist) neu nachdenken und die Verantwortung der Deutschen neu bestimmen müssen. Ulrich Greiner