Von Dietmar H. Lamparter

Langsam schiebt der junge Mann im groben Baumwollhemd seinen dreirädrigen Holzkarren durch die Nebenstraße. Vor dem Eingangstor eines Bürohauses in der Mathura Road klaubt er einen Kuhfladen vom staubigen Boden und legt ihn zu den anderen auf die Pritsche. Später wird er den getrockneten Dung als Brennmaterial verkaufen. Das ist sein Beruf. Sein Urgroßvater hat es nicht anders gemacht.

Von ihrem Fenster im zweiten Stock des Bürohauses könnte Neelima Sehgal den Mann auf der Straße beobachten, doch ihre Aufmerksamkeit gilt allein den Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm vor ihr. Der Beruf der 24jährigen im leuchtend roten Seidensari hat noch keine Familientradition: Neelima ist Informatikerin. Um ihr Produkt abzuliefern, muß die junge Inderin ihren klimatisierten Arbeitsplatz nicht verlassen. Ein Tastendruck genügt, und der Rechner schickt das Ergebnis ihrer Denkarbeit via Standleitung und Satellit zum Auftraggeber ins ferne Europa.

Zwischen der Softwareingenieurin und dem etwa gleichaltrigen Dungsammler im Zentrum Neu-Delhis liegen nur ein paar Meter – und zugleich Welten. Junge Informatiker wie Neelima oder der zwei Jahre ältere Amit Jain, der am Nachbarterminal an der graphischen Benutzeroberfläche eines Bürokommunikationsprogramms feilt, repräsentieren das neue Indien.

Das lange Jahre in wirtschaftlicher Agonie liegende Land mit seinen 900 Millionen Einwohnern hat im Zuge der wirtschaflichen Liberalisierung (siehe ZEIT Nr. 49/93) zur Exportinitiative geblasen. Doch nicht die klassischen Ausfuhrprodukte wie Textilien, Teppiche, Schmuck oder Gewürze verzeichnen die höchsten Zuwächse. Besonders stolz ist Handelsminister Pranab Mukherjee auf Erfolge, die er hochqualifizierten jungen Landsleuten wie Amit oder Neelima zu verdanken hat: Die Ausfuhren der indischen Elektronikbranche stiegen allein im Zeitraum zwischen April und September 1993 in Dollar gerechnet um über zwanzig Prozent, bei Software und EDV-Dienstleistungen waren es sogar mehr als dreißig Prozent. In drei bis vier Jahren sollen sich die High-Tech-Exporterlöse auf rund 1,5 Milliarden Dollar verdreifachen, die Hälfte davon allein aus dem Softwaregeschäft.

Alles, was im internationalen Busineß rund um den Computer Rang und Namen hat, reißt sich derzeit um die Dienste indischer Programmierer und Softwareingenieure: Microsoft, Digital Equipment, Hewlett-Packard, Texas Instruments, Fujitsu, Bull, Olivetti, Motorola und Oracle. Selbst der amerikanische Computerriese IBM, der 1977 wegen der Verstaatlichungspolitik Indira Gandhis das Land verließ, ist seit kurzem wieder da. Finanzinstitute wie Citycorp oder die Deutsche Bank und Fluggesellschaften wie Swissair oder Lufthansa verlagern EDV-Dienstleistungen nach Indien.

"Die Inder haben das notwendige mathematisch-technische Verständnis, das haben die Amerikaner schon vor langer Zeit entdeckt", sagt Ulf Walter. Der 35 Jahre alte Schwabe mit Wohnsitz Delhi sorgt dafür, daß der Münchner Siemens-Konzern hier dennoch ganz vorne mitmischt. Die nach dreijähriger Vorbereitungsphase im Juni vergangenen Jahres gegründete Siemens Informations Systems Ltd. (SISL), deren Aufbau Walter koordiniert, beschäftigt bereits 250 einheimische Softwarespezialisten in Delhi, Bombay und Bangalore. Das Management ist rein indisch. Walter ist der einzige deutsche "Consultant", der ständig vor Ort ist. Auch Neelima Sehgal und Amit Jain gehören zu seiner jungen Truppe. Bereits im ersten Jahr lag SISL auf Platz sechs der Hitliste der indischen Softwarexeporteure. "In Kürze liegen wir auf Rang vier oder sogar drei", glaubt Walter. Aus 250 Mitarbeitern sollen 1000 werden.